Die durch Tucson fahrenden Güterzüge waren letzte Nacht deutlicher zu hören als davor, wobei weniger das Geräusch des Zuges problematisch ist als vielmehr das permanente Hupen der Lokomotive, die an jeden noch so kleinen Bahnübergang dreimal Signal geben muss. Die Einhaltung dieser Vorschrift während der Nacht halten die Lokführer merkbar unterschiedlich. Trotzdem reißt es vor allem Susanne jedesmal wieder aus dem Schlaf.
Wir verlassen diesen Exquisit- KOA und wenden uns nach Norden, zunächst fahren wir durch Tucson durch. Die Straße Richtung Catalina führt durch ein Armenviertel, heruntergekomnene Bruchbuden, verdreckte Gewerbebetriebe, Bettler an den Kreuzungen und Tankstellen und ein allgemeiner Eindruck leichter Verwahrlosung prägen den Arizona Highway 77 stadtauswärts. Bestimmt hat Downtown Tucson auch schöne Viertel, aber hier möchte man keinesfalls anhalten.
In Catalina einige Meilen weiter ein ganz anderes viel freundlicheres Bild: Wir frequentieren einmal mehr den WALMART. Das Publikum ist hier ein deutlich gehobeneres als in vielen Märkten zuvor, die in Gelb-Orgien blühenden Ginster auf dem Parkplatz bestärken das ein wenig exklusivere Ambiente. Jedoch ist auch hier das angebotene WLAN nicht stark genug, um den Blog zu pflegen.
Erste touristische Station auf unserer heutigen Scenic Route-Tour, die uns in einem weiten Bogen bis an den Rand von Phoenix führen wird, ist die Anlage von Biosphere 2. Hier wurde Ende des letzten Jahrhundert eine Einrichtung erschaffen, in der völlig autark und nach außen abgeschottet alle klimatischen Lebensräume der Erde nachgebildet sind. Hier lebten seinerzeit Forscher ohne Austausch mit der Außenwelt, als praxisnahes Experiment, wie eine Leben in einer lebensfeindlichen Umgebung möglich wäre, die faszinierend reale Simulation einer Siedlung auf einem anderen Planeten. Von außen sieht die in der Einöde stehende Anlage recht spacig aus. Es werden Besichtigungen angeboten, für Besucher steht ein immens großer Parkplatz bereit; die Touren lösen im Internet jedoch keine Begeisterungsstürme aus.
Ich gehe trotzdem durch den in moderner Architektur gehaltenen Eingang bis zum Empfang vor; es ist völlig still, ich komme mir vor wie in einem Film, wenn die Hauptdarsteller irgendwo unvermittelt eine hochgeheine Einrichtung finden, wie in ANDROMEDA oder James Bond in DIAMANTENFIEBER.
Der Highway 77 führt bald in einer langen schönen Abfahrt aus der trockenen Halbwüste in ein Tal hinunter, dessen Talgrund wir bei Mammoth erreichen. Ganz unten ist es fruchtbar mit einigen grüneren Wiesen und Bäumen, an den trockeneren Hängen wachsen Saguaro- Kakteen. Diesem Tal folgen wir nun einige Meilen bis nach Winkelman, wo sich die Straße teilt. Während es links direkt nach Phoenix geht, wählen wir die Scenic Route Richtung Globe. Diese führt zunächst in für hiesige Verhältnisse engen Kurven durch eine gewundene tief eingeschnittene Schlucht.Hier stehen an den Hängen gefühlt mehr Saguaro- Kakteen als gestern im Nationalpark. Dann geht es in einem längeren Anstieg hinauf bis zu einer überraschenden Geländekante. Am Scheitelpunkt stockt einem der Atem: Man blickt in ein unermesslich breites Tal hinunter, wie in einen massiv in die Breite gezogenen Grand Canon, es ist überhaupt nicht abschätzbar, wie breit dieses Tal ist und wie weit man schauen kann. Hier findet sich ein aussichtsreicher Picknickplatz, an dem wir im warmen aber deutlich erstarkten Wind unsere Mittagspause machen. Bis auf wenige vorbeifahrende Autos genießen wir diesen Mega- Ausblick völlig alleine.
Dieser Übergang ist der El Capitan-Pass, über diesen führte 1846 Westernlegende Kit Carson eine militärische Expedition mit dem Ziel Kalifornien; die Bronzetafel eines History Markers gibt Auskunft.
Am Ende der nun folgenden sehr langen jedoch perfekt trassierten Abfahrt liegt Globe. Dieses regionale Zentrum erweist sich als Western- Bergbaustadt mit kleinem historischen Stadtkern, an dem wir jedoch mit Blick auf die Uhr vorbei fahren. Die anschließenden Orte Claypool und Miami sind deutlich weniger reizvoll, sie sind im Gegenteil ziemlich heruntergekommen mit geschlossenen Tankstellen und vernagelten Geschäften. Hässlich sind die beiden Ortschaften obendrein: Erstere wird beherrscht von einer riesigen am Hang errichteten Fabrik, über zweiterer ragt ein gigantischer terrassenförmig modellierter Tagebau in die Höhe, der an den österreichischen Erzberg erinnert, oder dass die Tagebaue am Niederrhein nicht in die Tiefe gehen, sondern in die Höhe wachsen. Nichts wie weiter.
Zwei gut ausgebaute niedrige Pässe sind noch zu befahren, einer spektakulär mit einer langen Abfahrt durch die enge Schlucht des Queen Creek mit braunen Felsen samt hoher Bogenbrücke über den Fluss. Dann haben wir wieder einmal eine dieser riesigen Ebenen erreicht, unendlich weit erscheinend und zu fast allen Seiten von Bergen umgeben. Hier wachsen die Kakteen sogar auf dem Mittelstreifen des Highways.
Bei Apache Junction, einem ersten Vorort von Phoenix, verlassen wir die Schnellstraße, biegen in den untersten Teil des uralten Fernwegs Apache Trail ein und erreichen bald unser heutiges Ziel, den Lost Dutchman State Park. Er liegt in einem breiten Tal, nicht weit hinter ihm ragt eine mächtige zerklüftete Felswand aus rotem Gestein in die Höhe. Wieder hatten wir Glück mit unserem Stellplatz: Es war der letzte für heute überhaupt verfügbare, er ist wunderschön gelegen mit vielen hochgewachsenen Kakteen direkt an der Site und hat keinen Nachbarn in nächster Umgebung.
Wir sind heute nicht so spät angekommen; so machen uns erst einmal einen Kaffee und trinken ihn im Schatten, denn in der Sonne ist es viel zu heiß.
Während des Kaffeetrinkens überfliegt uns ein äußerst seltenes Flugzeug: Eine uralte DC10, umgebaut als Großraum- Löschflugzeug, im niedrigen Landeanflug auf Phoenix. Eine Stunde später sehen wir es wieder im Steigflug Richtung Nordost, da scheint es wohl irgendwo zu brennen; die Feuergefahr war heute schon den ganzen Tag auf den Schildern an der Straße als "High" eingestuft.
Last but not least haben wir in unserem kleinen Kakteenparadies auch Sonnenuntergangsblick. Diesen genießen wir beim Abendessen, wunderbar heben sich die Silhouetten der Kakteen gegen den Abendhimmel ab. Danach treibt uns die rasch einbrechende Dämmerung in unseren Wagen sowie - ausgelöst durch ein großes uns unbekanntes Insekt - auch ein gewisses Unbehagen gegenüber der abendaktiven einheimischen Tierwelt.