Donnerstag, 31. März 2022

30. März 2022 Port Canaveral FL - Homosassa Springs FL

Nach dem aufregenden Tag gestern lassen wir es heute ruhig angehen. Es wird gemütlich gefrühstückt, der Wasserstand in unserem Tropfen-Schrank gecheckt (Ergebnis: vertretbar) und noch ein paar Verrichtungen vorgenommen, zB. die unzureichende Haken-Situation für Handtücher etc ergänzt durch drei Klebehaken, die sich rückstandsfrei wieder entfernen lassen. 
Der Blick aus dem Fenster auf unsere Nachbarn zeigt große Wohnmobile, in denen sich offensichtlich hauptsächlich hier langcampende Winterflüchtlinge im Seniorenalter eingerichtet haben. 
Dann verlassen wir den Campground und nehmen Abschied vom Atlantik - Beginn unserer zweiten USA-Durchquerung. Das Kreuzfahrt-Terminal, an dem gestern Nachmittag noch zwei dieser turmhohen Giganten der quasi-industriellen Urlaubsfreuden vor Anker lagen, ist heute leer.
Über die Interstate 95, der großen von Miami bis nach NewYork, Boston und Maine führenden Autobahn der Ostküste, fahren wir zunächst 100 Kilometer Richtung Norden. 
Wie gewohnt sind wir, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit einhaltend, ein Hindernis für alle Trucker, Transporter und Trailer. 
Bei Daytona Beach, eindeutig erkennbar an der großen Tribüne der International Speedway- Rennstrecke, verlassen wir die I95 wieder, biegen in Ormond Beach in die Florida 40 ein und fahren die ersten echten Westwärts-Kilometer unserer Tour. 
Diese sind zunächst ein ausgesprochen zähes Geschäft. Ohne viel Abwechslung fahren wir Dutzende Kilometer geradeaus durch Wälder mit niedrigen Kiefern und gestrüppartigen Laubwald, gelegentlich unterbrochen von Wiesen- und Weidenlichtungen, auf denen Kühe oder Pferde grasen. Das örtliche und selbst auf der Interstate angeschlagene Zentrum Barberville erweist sich als bloße Straßenkreuzung mit Bahnhof, Tankstelle, 5 Häusern und einem großen Open Air-Antiquitätenhändler, es scheint jedoch nicht einmal die sonst unvermeidlichen Dunkin' Donuts- oder Dollar General- Läden zu geben. 
Nach der Brücke über den St. Johns River erreichen wir den Ocala National Forest.  Hier wollen wir uns die Alexander-Springs Quelle ansehen. Jedoch fahren wir schlussendlich an ihr vorbei, irgendwie haben wir wohl das Einfahrtsschild übersehen. Kein größeres Problem, gibt es doch unweit  auf unserer Route eine weitere Quelle. Auf dem Weg dorthin ist zunächst aber eine Baustelle mit einspuriger enger Verkehrsführung zu durchfahren. Noch sind die Maße unseres RV ungewohnt, so werden dies unerwartet aufregende drei Kilometer. Susanne meistert jedoch langsam und gekonnt Engstelle und Adrenalinschub. 
An der Einfahrt zur Juniper Springs-Quelle werden wir von einem entspannten Parkranger mit Holzfällerbart beruhigt: "There are big parking slots for your motorhome". So ist es auch, zudem ist der überschaubar große Parkplatz fast leer. 
Die Quelle entpuppt sich als ein von schattenspendenden Laubbäumen, Palmen und tropisch erscheinendem  Gesträuch umwachsener rund eingefasster Teich mit kristallklarem Wasser. Ein Mühlrad dreht sich am Abfluss, ein paar Familien haben sich auf dem Areal verteilt, Kinder spielen im Wasser. Wir wussten nicht was uns erwartet, und sind freudig überrascht von diesem kleinen Paradies. 
Oskar plantscht ein wenig mit den Füßen im Wasser, ich schwimme ein paar Runden, das Wasser ist erfrischend, aber nicht kalt. Anderthalb Stunden verbringen wir in dieser entschleunigenden Idylle. 
Auf der Weiterfahrt in Richtung Golfküste verlassen wir bald den National Forest und durchfahren das erstaunlich große und adrette Städtchen Ocala. Der anschließende Highway entpuppt sich dann als ein viele Kilometer langes Amerika-typisches Gewerbegebiet, Betriebe, Läden aller Größe von Mini bis Mall, dazwischen Golfplätze und Tankstellen; alle mit einer jeweils eigenen Einfahrt von der Schnellstraße. Immer wieder interessant sind die vielen Kirchen aller Ausprägungen und Geschmacksrichtungen, die zwischen Barackengröße und Großkomplex variieren, mit zum Teil riesigen Parkplätzen. 
Dann wird die Straße schmaler und wir sind wieder im Grünen unterwegs, bis wir Homosassa Springs erreichen. 
Die Einfahrt zum Sun Resort RV Park verspricht eine perfekte Camperwelt:  Palmen, Teich mit Springbrunnen, ein kleiner Kanal, an dem Boote liegen. Das Office ist um kurz vor 6 nicht mehr besetzt, jedoch liegt in gewohnter Weise an der Tür ein Umschlag für uns bereit. Wir folgen erwartungsvoll dem auf dem Platz-Plan markierten Weg und sind schlussendlich enttäuscht: Eine gekieste einfache Back In-Site ohne Tisch und Bank, rechts und links direkt Nachbarn mit voluminös großen Campern, hinten raus der Zaun mit einer direkt dahinter verlaufenden Straße. Hierfür 62 Dollar zu verlangen ist sportlich. 
Es ist wie es ist, jedenfalls wissen wir nun, warum man die Sites nicht einzeln reservieren konnte. 
Oskar hat seine Freude an den kleinen Kieseln, wir Erwachsene packen unsere Campingstühle aus und genießen nach diesem kilometerreichen Tag unser Feierabendbier. Dann essen wir vor dem RV in der Abendsonne unter Palmen gemütlich zu Abend, mit einsetzender Dämmerung werden wir jedoch von den örtlichen Stechinsekten nach innen vertrieben. 

Mittwoch, 30. März 2022

29. März 2022 Port Canaveral FL - Kennedy Space Center FL - Port Canaveral FL

Wie stets bei Amerika-Touren enden die Nächte anfangs gegen 5 Uhr. Es ist noch still und finster, also bemühen wir uns, unseren Kleinen noch eine Weile ruhig zu halten. 
Als wir die Kaffeemaschine aus dem Küchenschrank nehmen, erwartet uns eine Überraschung: Der Boden dieses Faches ist nass. Eine kleine Spurensuche mit Taschenlampe unter der Spüle kommt schnell zu einem Ergebnis: Es tropft über die beiden metallenen Wasserzuleitungen. Die Tropfmenge scheint jedoch überschaubar, und wir positionieren nach Trockenlegung einen der sowieso hier in diesem Fach verstauten Töpfe als Tropfenfang. Nichtsdestotrotz ruft Susanne dann beim Verleiher an. Franzi ist wohl nicht da, ihre Kollegin Annalise bescheinigt uns, nachdem wir ihr das Problem haben verständlich machen können, dass wir weiterfahren könnten, wenn uns das Malheur nicht zu sehr stört. Wir dokumentieren das ganze trotzdem mit Handykamera, man kann ja nie wissen, und werden beobachten... 
Heute wollen wir zum legendären Kennedy Space Center. Bei der Anfahrt passieren wir die großen Hallen der Firma BLUE ORIGIN, dem Raumfahrtunternehmen vom AMAZON, dann führt die Straße direkt auf die unübersehbaren Raketen zu. Die hiesige alternativlose Parkgebühr beträgt stolze 15 Dollar, genauso unverschämte Abzocke ist, dass Kinder ab 3 Jahren beim ohnehin stolzen Eintritt fast so teuer sind wie Erwachsene. Monopolpreisbildung in praktischer Anwendung, diverse VWL-Vorlesungen zur Preistheorie kommen ins Gedächtnis. 
Erste Attraktion der Anlage ist das NASA-Globuslogo am Eingang, für ein Photo muss man sich in eine Schlange Gleichgesinnter einreihen. 
Das Konterfei John F Kennedys begrüßt die Besucher. Sein legendärer Auftrag an das amerikanische Volk begründete am 12. September 1962 den Aufbruch zum Mond: "We choose to go to the moon. We choose to go to the moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard." 
Wie utopisch muss das damals geklungen haben: Erst 59 Jahre vorher hatte der Mensch das Fliegen gelernt, 35 Jahre vorher hatte Lindbergh erstmals den Atlantik überflogen. Und nun zum Mond? In 8 Jahren? So lange dauert bei uns alleine die Genehmigung einer Terrassenüberdachung... 
Dann betreten wir das Museum. Erste unübersehbare Attraktion ist die Rocket Alley. Alle von der NASA verwendeten Raketentypen außer der SATURN V stehen hier. Oskar kann hier sogar in ein Modell der winzigen MERCURY-Kapsel klettern. 
Eindrucksvoll ist für mich vor allem die GEMINI, eine umgerüstete Interkontinental- Atomrakete, mit der in der 60ern in vielen Flügen eine erste Routine in der bemannten Raumfahrt erreicht wurde. Spätere Ikonen wie Armstrong, Aldrin, Collins, Stafford, Lovell und Co verdienten sich mit ihr ihre ersten Astronautensporen.
Anschließend lassen wir die Astronaut's Hall of Fame links liegen - alles kann man sich halt nicht anschauen - und reihen uns ein in die zum Glück sehr kurze Schlange für die Bustour über das Space Center. Ziel ist der Museumsteil "Apollo/Saturn V". Auf der Fahrt dorthin fahren wir am gigantischen Vehicle Assembly Building vorbei. Dieses ikonenhafte Gebäude, in dem erst die Mondraketen zusammengebaut und später die Space Shuttles für den Start vorbereitet wurden, ist so gigantisch groß, dass es nicht näher zu kommen scheint als wir darauf zufahren. 
Hoch wie der Kölner Dom und breiter als 2 Fußballfelder; das Colloseum in Rom könnte auf seinem Dach errichtet sein, erklärt uns unser Busfahrer. Diesen Kubus - das Wort Gebäude beschreibt es nicht annähernd - von nahem zu sehen begeistert. Steingewordene Science Fiction. 
Mehr bekommen wir jedoch vom Gelände kaum zu sehen; es ist gesperrt, seit neben der NASA nun auch die Raumfahrzeuge von Elon Musk und Amazon den Weltraumbahnhof nutzen und die früher weitgehend verwaisten Startkomplexe mit Leben füllen. 
Aber das APOLLO SATURN V- Center ist auch so eine Wucht. Zunächst wird man mit einer Multivisionsshow eingestimmt auf die Vision Kennedys, zum Mond aufzubrechen, und die Zeit, in der sie geboren wurde. Wenn dabei die sehr frühen Beatles oder Rock'n Roll zu hören ist, Bilder von Martin Luther King, den Rassenunruhen, Elvis, Jacky Kennedy oder Vietnam zu sehen sind - also Eindrücken aus ewig vergangenen Zeiten - erscheint der rückblickende Gegensatz zum erfolgreichen Mondflug, der auch in dieser Zeit geplant und durchgeführt wurde, noch surrealer. Dann wird man geführt in die originale Flugleitzentrale von APOLLO 8, dem ersten Flug einer SATURN V, der erstmals Menschen in eine Mondumlaufbahn führte. Hier wird der Start der Rakete gezeigt, und wenn die Triebwerke zünden wackeln sogar die Sitzbänke der Tribüne. 
Eine dieser SATURN V- Raketengiganten hängt in der Halle des Komplexes an der Decke, man kann von unten all ihre Triebwerke, Raketenstufen und schließlich an der Spitze das Mondfährenmodul und die Apollo-Kapsel betrachten. 
Zudem kann man ein Stück Mondgestein berühren, allerlei Original-Ausrüstung der Missionen wie den von Mondstaub bedeckten Raumanzug von Alan Shepard bestaunen und ein Modell der Mondfähre anschauen. Besonders beeindruckend und bewegend ist hier für mich die originale Apollo-Kapsel der APOLLO 14- Mission, die geschwärzt und sichtbar gezeichnet ist von den Hitze des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre. Die grieseligen Schwarz-Weiß-Live-Bilder der letzten Apollo-Missionen sind für mich mit die ersten prägenden Fernseh Erlebnisse, in der Grundschule habe ich einen Vortrag über APOLLO 11 gehalten, und nun stehe ich hier vor einer dieser Mondflug-Kapseln. 
Und wie eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft kann man von einer Tribüne hinter der Halle am Horizont die Rakete der nächsten Mondmission sehen: ARTEMIS 1 steht auf der Startrampe und wird in einer Woche als erste unbemannte Mission eines neuen NASA-Programms wieder zum Mond fliegen. Als schließe sich ein Kreis... 
Wieder zurück mit dem Bus im Bereich des Space Centers teilen wir uns auf. Susanne geht mit dem erschöpfen Kleinen zurück zum Wohnmobil, ich möchte mir noch das Space Shuttle ATLANTIS anschauen. 
Auch hier wieder eine Multivisionsschau, diesmal als Kurz-Spielfilm über die Entwicklung des Shuttles, dann in einem zweiten Saal als Film über Start und Flug, der dann in den Blick auf die hinter einem Vorhang allmählich sichtbar werdende echte ATLANTIS übergeht - das ist sensationell gemacht. 
Dann stehe ich unmittelbar vor der ATLANTIS. Kaum fassbar, dass das tatsächlich derselbe Raumgleiter ist, dessen Starts, Weltraummanöver und Landungen man so oft im Fernsehen gesehen hat. Ein weiterer Gänsehautmoment. 
Auch um das Raumschiff herum wird viel gezeigt, ein Modell des Hubble-Teleskops etwa, das ohne Space Shuttle kaum realisier- und später reparierbar gewesen wäre, oder ein Überblick über wichtige Missionen der Shuttles. Jedes Shuttle wird mit einer Kurzgeschichte vorgestellt. Und hier steht dann tatsächlich - quasi NASA-offiziell -, dass der Taufname der ENTERPRISE tatsächlich auf die Initiative Hunderttausender STARTREK-Fans zurückgeht, die die NASA gebeten hatten, dem ersten Shuttle eben diesen Namen zu geben. 
Besonders ergreifend die Erinnerung an die beiden tragischen Verluste, CHALLANGER und COLUMBIA. Sehr einfühlsam wird den gestorbenen Astronauten gedacht. Und dann steht man vor Trümmerteilen - das packt einen bis ins Mark. 
Man könnte nun noch einen Shuttlestart-Simulator ausprobieren, ins IMAX-Kino gehen oder sich über künftige Mars-Missionen informieren, aber für heute ist es genug. Und auch überwältigend genug. 
Auf der Rückfahrt halten wir bei einem PUBLIX-Supermarkt, er war uns von Franzi aus Orlando empfohlen worden. Und in der Tat ist das Angebot deutlich besser und qualitativ gehobener als beim WALMART. Auch die Kundschaft, die gestern auf uns eher abschreckend gewirkt hatte, ist hier deutlich angenehmer. 
Wieder auf dem Campground angekommen bereiten wir uns ein fürstlichen Mahl aus den im PUBLIX erworbenen Käse und Baguette, dazu Rotwein - völlig angemessen für diesen tollen Tag. 

Dienstag, 29. März 2022

28. März 2022 Orlando FL - Port Canaveral FL

Beim Betreten des Hotel-Frühstücksraums fragen wir die Bedienung, wie das mit der Maske gehandhabt wird. "It's up to you" ist die Antwort. So ganz stimmt das zwar schlussendlich nicht, denn es gibt auch hier durchaus noch Orte, bei denen die Maske vorgegeben ist, zB. gestern im Flughafengebäude, beim Uber-Fahrer, der uns nachher fahren wird, oder beim Wohnmobilverleih; aber trotzdem trifft diese auf Selbstverantwortung abzielende Sichtweise die Einstellung hier in Florida. Beim WALMART werden wir heute kaum Masken sehen, ebenso auf dem Campground - man hat sich offensichtlich zur Rückkehr zur Normalität entschlossen. Wir sind gespannt, wie wir das in den nächsten Tagen erleben werden.
Nach dem Frühstück bestellt Susanne per App besagten Uber-Fahrer, der zu einem freundlich- ausgiebigen Schwätzchen aufgelegt ist, während er uns einmal quer durch Orlando kutschiert. Jede Menge Vorstadt mit allerlei Residenzen und Country Clubs, und nur wenig Downtown, so lässt sich die Stadt die wir sehen beschreiben. Es gibt aber natürlich auch weniger repräsentative Ecken, zum Beispiel jenes Gewerbegebiet, in dem der RV-Verleih liegt. Dort treffen wir  auf eine Angestellte, die Franzi heißt und aus Deutschland stammt, was die sprachliche Barriere hinsichtlich Formalitäten und die Einweisung deutlich vereinfacht. Überhaupt läuft die Übergabe hier bei ROADBEAR RV deutlich professioneller ab als bei EL MONTE in New Jersey 2019, wo wir gute zwei Stunden auf den Check In warteten und neben einem aufdringlichen Versicherungsvertrieb sogar noch einen langwierigen Einführungsfilm über uns ergehen lassen mussten. Als Überraschung bekommen wir noch ein doppeltes Upgrade: Unser RV ist erstens flammneu, die einzigen bisherigen Kilometer resultieren aus dem Transfer vom Hersteller in Indiana hierher nach Florida. Selbst die Nummernschilder sind noch vorläufig und aus Papier an die Scheiben geklebt, da die "richtigen" noch nicht fertig bzw. nicht rechtzeitig beim Verleih eingetroffen waren. Wobei uns eigentlich ein so makelloses Fahrzeug nicht wirklich geheuer ist, können doch alle Macken bei der Abgabe eindeutig uns zugeordnet werden. Nicht, dass uns das je passiert ist... 
Als zweites - und das ist wirklich klasse - ist unser RV mit einem Slide Out ausgerüstet, das heißt dass das Chassis im Bereich um den Esstisch um einen dreiviertel Meter herausfahrbar ist und so ein deutlich größeres Raumgefühl vermittelt - natürlich nur beim Aufenthalt auf Campgrounds.
Beim Rundgang um und durch das Fahrzeug nehmen wir noch weitere positive Aspekte zur Kenntnis wie mehrere eingebaute USB-Ports zum Aufladen elektronischer Geräte oder dass die Wasserheizung nun auch mit Strom zu betreiben ist, was Stromadapter bzw. Campinggas spart. Ein paar kleine Kratzer in der Stoßstange sind dennoch zu dokumentieren, dann übernehmen wir offiziell unser fahrbares Heim für die nächsten vier Wochen.
Gepäck verstauen, die Befestigung des Kindersitzes eruieren, Oskar mit den Gegebenheiten vertraut machen usw. brauchen noch eine Weile, dann wagen wir uns hinaus auf die Straße und hinein in den Verkehr. Zum Glück führt unsere Route nach Cape Canaveral nun ersteinmal 35 Kilometer mehrspurig schnurgeradeaus, erst lange durch städtisches Gebiet, dann durch die für US-Städte so charakteristischen endlosen Gewerbegebiete mit Gebäuden jeglichem Nutzungs- und Erhaltungszustands. Susanne steuert das große Gefährt trotz allem Respekt angesichts seiner Abmessungen gewohnt souverän durch den Verkehr der ersten Meilen. 
Irgendwo findet sich auch ein WALMART für den ersten Großeinkauf; die schiere Größe des Marktes erschlägt uns wie stets aufs Neue beim ersten Mal am Urlaubsanfang. 
So ziemlich alles zwischen Salz, Kaffee, Nudeln, Wein, Käse und Milch muss gekauft werden, auch einige Flaschen des hochgeschätzten SAMUEL ADAMS-Biers aus Boston wandern in den Einkaufswagen. 
Nach besagten 35 Kilometern meldet sich zum ersten Mal das Navi und weist uns auf einen weiteren weitgehend geraden Highway, der nun durch sattgrünes Wald- und Sumpfland führt.
Von einer hohen Brücke aus sehen wir am Horizont zum ersten Mal den gigantischen Würfel der NASA-Anlage von Cape Canaveral - dort wollen wir morgen hin.
Ein paar weitere lange Brücken über küstennahe Gewässer später haben wir die Küste erreicht. Ohne Sicht zum Meer führt uns die Atlantic Avenue parallel zu diesem nach Norden bis zur Spitze der langgezogenen Insel. Hier liegt das Kreuzfahrtterminal Port Canaveral und der Jetty Park, in dem auch unser Campground liegt. 
Nach dem Einparken in unserer Site gehen wir noch zum Meer. Der kürzeste Weg zum Wasser führt an die Mündung eines breiten Kanals, der den Hafen mit der See verbindet, und an den Anfang eines ins Meer führenden Anglerpiers, an dem wir uns jedoch mit Blick auf die fortgeschritte Zeit nicht mehr versuchen.
Beim Abendessen spüren wir drei den Jetlag nun recht nachdrücklich, so dass der Abend kurz ausfällt und wir das nicht geschaffte Gepäckauspacken auf morgen verschieben. 


Montag, 28. März 2022

27. März Weilheim - München - Frankfurt - Orlando

Wenn um 20 nach 3 der Wecker schellt, dann ist das deutlich spürbar früh. Fällt dieses Wecken jedoch in die Nacht der Sommerzeit-Umstellung, so bleiben am Ende nur drei Stunden Schlaf und ein schmerzhaftes Gefühl, in einer anderen Zeit zu sein. Sei es wie es sei, es geht in den Urlaub! 
Wir haben um 6 Uhr den Flughafen-Shuttle von unserem Parkplatz in Schwaig bei Erding gebucht, also beißen wir die Zähne zusammen. Oskar brauchen wir gar nicht zu wecken, er ist vor lauter Aufregung von selbst wach geworden.
Dunkel, still und kalt ist es, als wir aufbrechen in den langen Tag, wir sind an diesem Sonntag Morgen nahezu allein auf den Straßen. Auch das Parkplatzbüro ist zu unserer Überraschung einsam und dunkel, als wir auf den Hof fahren. Kurz darauf ist der Shuttlebus jedoch von seiner vorherigen Tour zurück. Wir parken den Golf, laden das Gepäck in den Kleinbus und sind in 10 Minuten am Terminal 2. 
Hier gibt es ein kleines Déja Vu: Gestern Mittag sind wir schon einmal genau hier gewesen, um beim Airport-Testzentrum Oskars PCR Test machen zu lassen. Das war ein komisches Gefühl, zu Hause gepackte Koffer und eine geplante Reise zu haben und bis zum Vortag nicht zu wissen, ob wir überhaupt fliegen dürfen. Die nach dem Test folgenden bangen zwei Stunden bis zur erlösenden "Negativ" - Nachricht waren in ihrer Unbestimmtheit ein beinahe gedanken- und zeitleerer Raum, ähnlich dem aus THE BIG BANG THEORY bekannten Theorem von Schrödingers Katze. Umso größer dann die Erleichterung, als wir auf der Rückfahrt kurz vor Weilheim die Mail mit dem erlösenden Befund erhielten.
Wir passieren also heute früh die noch geschlossene Teststation, reihen uns in der Abflughalle ein in die kurze Schlange beim Business Class- Check In und gelangen am Schalter zu einem eher mürrisch wirkenden Mann Typ verirrter Seebär. Susanne präsentiert ihm nacheinander das umfangreiche Portfolio der für eine Reise in die USA zu Corona- Zeiten erforderlichen Dokumente. Alles scheint reibungslos zu laufen, bis er mit größter Selbstverständlichkeit uns Eltern nach unseren PCR-Testzertifikaten fragt. Ein kurzer Schreckensmoment: Haben wir trotz aller Sorgfalt beim Studium der komplexen und zT. widersprüchlichen Vorgaben irgendetwas übersehen? Wir weisen auf unseren dokumentierten Genesenenstatus und unsere in Deutsch und Englisch vorliegenden "Ready to Fly" -Atteste hin, wie gefordert ausgestellt von einem "Certified medical health provider" - sprich unserem Hausarzt. Der Mann von der Lufthansa ist nun jedoch die maßgebliche Instanz, die über die Vollständigkeit unserer Dokumente entscheidet und uns schlussendlich ins Flugzeug lässt; leider hat er ebenso augenscheinlich wie seltsamerweise von der für uns wirksamen Ausnahmeregelung von der Testpflicht noch nichts gehört. Zwei bange Minuten vergehen, in denen er in teilnahmloses Schweigen gehüllt Rat in den Tiefen seines Computermonitors sucht, in unseren  Köpfen laufen währenddessen Kurzfilme irgendwo zwischen "Reicht die Zeit für einen Express-Schnelltest" und "Wo könnten wir Einspruch einlegen", dann stellt er ohne jeglichen Kommentar und völlig empathiefrei unsere Bordkarten München- Orlando via Frankfurt aus und nimmt unser Gepäck entgegen. Puh, so etwas braucht man nicht oft, es bleiben wirre Zeiten. 
Die Abgabe des Kindersitzes beim Sperrgepäck und die anschließende Sicherheitskontrolle - die aktuelle Streiklust der Kontrolleure war ja ein weiterer Grund zur Besorgnis - sind danach schnell erledigt, und wir steuern die Lounge an: Zeit für Frühstück und vor allem viel Kaffee. 
Zwei Stunden später stehen wir für unsere ersten Flugetappe am Gate: Ein Airbus A320neo wird uns nach Frankfurt bringen.
Der kurze Flug bei schönstem Wetter ist für uns Erwachsene reine Routine, für unseren Kleinen jedoch der erste selbsterlebte Flug. Das Erlebnis ist für ihn am Ende wohl eher mittelprächtig, recht groß ist doch der Respekt vor der Beschleunigung und der Bewegung im dreidimensionalen Raum. Aber Susanne kann ihn mit einem Lufthansa-Stickerbuch und einer von ihm selbst ausgesuchten AutoMotorSport-Zeitschrift so gut ablenken, dass er unterm Strich doch gut gelaunt in RheinMain aus dem Flugzeug klettert. 
Ein weiter Fußweg durch das ganze Terminal wartet auf uns, bis wir im Zentralbereich endlich den Passkontroll-Bereich und das Ende des Schengen-Raums erreichen. Während wir hier anstehen, erzählt Oskar freudestrahlend den Männern hinter uns "Wir fliegen nach Amerika". 
Zur Business Lounge im vor ein paar Jahren neu errichteten Lufthansa-Langstreckenterminal ist es nach der Kontrolle nur ein kurzer Weg, umso länger ist dort die Schlange am Einlass, da trotz Rushhour nur eine Dame Dienst hat. Aber auch das ist irgendwann geschafft, nun macht sich jedoch bei uns dreien die Müdigkeit nachdrücklich bemerkbar. 
Die Lounge hier ist deutlich größer und besser sortiert als ihr Münchner Pendant, zudem bietet sie wunderbaren Ausblick auf das Terminalvorfeld. Jedoch wird sie um halb zwei schließen, da es am Nachmittag hier immer noch Corona-bedingt keine internationalen Flüge mehr gibt. 
Um viertel nach eins brechen wir auf zum Gate Z66. Auch dieser Weg erscheint endlos, und führt zudem durch ein gespenstisch verwaistes Terminal; als wir vor sechs Jahren von einem dieser Gates nach Boston gestartet waren, pulsierte hier das Leben... 
Endlich stehen wir an unserem Gate: LH464 nach Orlando, und es wartet die 747 D-ABTL, ein robuster Oldtimer der 400er Reihe, gebaut 2002. 
Hier sehen wir auch endlich wieder Menschen: Eine für einen Jumboflug adäquat große Gruppe wartet aufs Boarding. 
Mit unseren Tickets dürfen wir als erste an Bord, unsere Plätze sind ganz vorn in der Spitze des Flugzeuges. Der Empfang durch die Crew ist herzlich, Oskar bekommt eine liebevolle Sonderbehandlung und weitere Kindergeschenke mit dem Kranich drauf. Den Empfangssekt genießen wir fast wie ein Symbol: Endlich sind wir wieder auf Reisen, endlich wieder fliegen. 
Der Start verzögert sich noch ein wenig, dann legen wir ab und rollen zur Startbahn 07Center, es geht also ostwärts raus, nicht überraschend bei dem schönen Wetter. 
Der Jumbo beschleunigt mit nachdrücklicher Power; der legendäre Pilot-Autor Rudolf Braunburg beschrieb diesen Moment des Starts einmal in einem GEO-Artikel als den immer wieder faszinierenden Moment der Schwerelosigkeitswerdung von 290 Tonnen Aluminium, Kerosin und Stewardessenlächeln.... 
Nach einer engen Kurve über Offenbach sind wir in der richtigen Richtung unterwegs, 20 Minuten später liegt unten Köln, Düsseldorf ist in der Ferne gut zu sehen. Eindrucksvoll kurz darauf die Hafenanlagen von Rotterdam und die Sturmflut-Deiche der Oosterschelde.
England und später Irland erst am Horizont und bald unter uns, dann breitet sich der Atlantik endlos vor den Fenstern aus. Europa liegt hinter uns, vor uns die Neue Welt. 
Nach dem Mittagessen und ein wenig Riesling fallen uns irgendwann die Augen zu. 
Der westliche Atlantik und später Neuengland und New York verstecken sich unter dichten Wolken, die nur über Labrador einzelne Blicke auf verschneite Landschaften erlaubten. Dann sind irgendwann die Wolken weg; da wir rechts aus dem Flugzeug schauen sehen wir jedoch nicht mehr die Küste sondern jede Menge eintöniger Landschaft. 
Erst über South Carolina fliegen wir wieder über dem Meer und entlang einer sumpfigen Küste mit scheinbar bis zum Horizont ins Land ragenden Buchten, Flussmündungen und Inseln, das Wasser glitzert malerisch in der Nachmittagssonne. 
Vor der Landung gibt noch ein frühes Abendessen, wie auch schon das Mittagessen wirklich lecker. Überhaupt war die Gesamtperformance der Lufthansa einschließlich der sehr freundlichen Crew erfreulicherweise deutlich besser als erwartet, hatten sich doch in diversen Airline-Foren viele beklagt über einen merkbaren Qualitätsverlust seit Corona-Ausbruch. Wir bemerken die Seuche eigentlich nur an der omnipräsenten Maskenpflicht, die bei USA-Flügen aus welchen Gründen auch immer selbst Kleinkinder einschließt, und an Kleinigkeiten wie dem nicht mehr vorhandenen LH-Magazin. 
Schließlich beginnt nach 10 Stunden in der Luft endlich der Landeanflug, und wir müssen Oskar unsanft und zu seinem eindeutigen Missfallen wecken.
Auf dem Flughafen sind wir mit unserem aussterbenden Flugzeugmuster eine echte Sensation: Bei unserer Parkposition wartet eine kleine Armee von Flughafenbediensteten, die viele Kameras und Handys auf uns richten, um die Ankunft der alten Jumbo-Lady, noch dazu in der traditionellen Lufthansa-Lackierung, zu dokumentieren. 
Die Immigration durchlaufen wir ohne größere Wartezeit bei einem vergleichsweise freundlichen Beamten, auch Taschen und der Kindersitz lassen sich problemlos am Gepäckband aufklauben und auf Kofferkulis verladen. Diese Kofferwagen werden uns jedoch nach 50 Metern schon wieder abgenommen: Vier uniformierte Angestellte lassen an einer rechtwinkligen Abbiegung niemanden mit Wägelchen durch. Aus gutem Grund, geht es doch danach mit einer steilen Rolltreppe oder einem kleinen Aufzug eine Etage höher zum Bahnsteig einer Flughafen-Bahn. Doch wenn man die Kulis sowieso kaum brauchen kann, warum standen sie dann zu Hunderten bei der Gepäckausgabe? 
Nun ja, muss man nicht verstehen. Wir müssen nun jedoch drei große Taschen, drei Rucksäcke, den sperrigen Kindersitz und ein übermüdetes Kind erst in diesen Zug, dann durch ein großes Flughafengebäude und schließlich in einem Aufzug bis zum Taxistand wuchten, wo wir uns in eine lange Warteschlange einreihen. Irgendwann nimmt uns ein Großraumtaxi auf und bringt uns in unser Flughafenhotel. 
Endlich auf unserem Zimmer endet dieser lange ereignisreiche Tag, und wir fallen müde in unsere Betten. 
Corona ist seit Verlassen des  Flughafengebäudes übrigens kein Thema mehr, Masken scheint niemand mehr zu tragen oder zu vermissen.


26. April 2022 LAX Airport CA - Zürich - München - Weilheim

Über den Großen Seen bin ich eingeschlafen, an der irischen Küste ist die kurze Nacht dann schon wieder vorbei. Irgendwann dazwischen war de...