Wir bleiben zwei Nächte in Tucson; dies war uns gestern angeboten worden, und wir sagen heute früh gerne zu. Es gibt hier einiges zu entdecken, und das wäre bei einer Übernachtung kaum möglich oder nur mit viel Stress verbunden.
Irgendwie schaffen wir es, heute zeitig loszukommen. Erstes Ziel ist der Saguaro National Park im Osten der Stadt. Den Weg dorthin hat Susanne so geschickt bei Google Maps geplant, dass wir direkt an der Davis-Monthan Air Force Base vorbei fahren. Diese ist unter Flugzeugfans bekannt als Sitz des 309th Aerospace Maintenance and Regeneration Group, die das zentrale Lager für stillgelegte Luftfahrzeuge der US-Streitkräfte betreibt. Hier werden Flugzeuge eingelagert und konserviert oder ausgeschlachtet und verschrottet, und das im ganz großen Stil: Es stehen tausende ausrangierter Flugzeuge in Reih und Glied auf dem riesigen Airfield. Wir sehen im Vorbeifahren die Abteilungen für Boeing 707, Lockheed Hercules und Lockheed Starlifter, hunderte Maschinen stehen in langen Kolonnen Leitwerk an Leitwerk. Das wäre bei einzelnen dieser Oldtimer schon faszinierend, und in dieser Masse schlicht überwältigend.
Der Saguaro National Park einige Kilometer weiter ist bekannt für die bekannten Saguaro- Kandelaber- Kakteen. Diese sehen wir einzeln, in Gruppen oder großflächig in der Wüstenlandschaft stehend entlang eines im Einbahnverkehr befahrbaren Loops. Es ist immer wieder erstaunlich, wie es den Amerikanern gelingt, in ihre Nationalparks dezente Aussichtsstraßen mit vielen Haltemöglichkeiten zu bauen, in denen man die wichtigsten Dinge des jeweiligen Parks sehen und erleben kann. Dies trägt ungemein zum Reiz, aber auch zur Popularität und damit zur Verankerung der Parks in der Bevölkerung bei. Bei uns in Deutschland, wo vieles schwerer durchdacht und moralisch angereichert wird, wäre so etwas schon aus prinzipiellen Gründen unmöglich: Eine Autostraße im Nationalpark? Wo kämen wir da hin?
Wir befahren den 12 Kilometer langen Rundkurs und sind aufs Neue begeistert von der Schönheit dieser Gegend. Eine Kakteenart blüht gerade mit hellroten Blüten, auch der Ginster leuchtet in gelb, und überall stehen diese eigenartig majestätischen Saguaro- Kakteen mit ihren runden Stämmen und den wulstigen Armen. Dazu in der Ferne hohe Berge. Es bestünde auch die Möglichkeit, die Gegend zu Fuß auf mehreren Trails zu erkunden, doch dafür ist es in dieser Wüste viel zu heiß.
So bleiben wir nach Befahren der Aussichtsstraße sitzen und steuern unser nächstes Ziel an: Die Missionskirche von San Xavier del Bac, die gestern für uns zu früh geschlossen war. Im Süden der Stadt gelegen erreichen wir sie in einer knappen halben Stunde.
Die am heutigen Ostersonntag rege besuchte Kirche wurde 1783 bis 1797 von Indianern erbaut, was sich auch an einzelnen Figuren im Innenraum widerspiegelt. Sie steht auch heute noch weithin frei in unbebautem Gebiet und hat so ihr Erscheinungsbuld als Missionskirche in der Einöde fernab der Zivilisation bewahrt. Besonders beeindruckend ist die Kirche und das sie umgebende Gebäudeensemble daher vom Vorplatz aus, auf dem einige Mexikaner auf qualmenden Öfen zubereitetes Essen feilbieten. Im Inneren ist der nicht allzu großzügig bemessene Raum überraschend dunkel, außer von den beiden Türen fällt kein Licht in das schmale hohe Kirchenschiff oder auf den Altar, so bleibt die Hitze draußen. Wir lassen das fast ein wenig wehrhaft strenge Ambiente auf uns wirken und zünden am Seitenaltar im Querschiff Kerzen an. Faszinierend: Ein fast 250 Jahre alter und heute noch im ursprünglichen Zweck genutzter Bau - danach muss man in den USA lange suchen.
In der Kirche begegnen wir zum ersten Mal seit drei Wochen wieder der Maskenpflicht; wir haben in dieser langen Zeit stets nur einzelne Menschen mit Maske gesehen und nie selbst eine getragen, umso lästiger erscheint uns nun diese Pflicht. Und sie erinnert uns an die Heimat, die wir in einer guten Woche wieder ansteuern werden und wo es uns nach der völligen Freiheit hier schon ein wenig graust.
Dritter heutiger Programmpunkt ist das 20 Minuten entfernte Pima Air and Space Museum. In fünf Hallen und einer großen Freifläche wird eine gigantische Anzahl von Flugzeugen gezeigt.Vor allem interessant sind die vielen Dutzend Düsenjäger vom Starfighter bis zur F18, aber auch die in geringem Umfang ausgestellten Zivilflugzeuge von der DC3 über die DC10 bis zum Prototyp der Boeing 787. Oder die Air Force One's der Präsidenten Kennedy bis Carter.Besonders beeindruckend ist eine mustergültig ausgestellte F14 TOMCAT vom Flugzeugträger KITTY HAWK, die man auf Tuchfühlung aus allernächster Nähe anschauen kann, Filmpkakate von TOPGUN und DER LETZTE COUNTDOWN dokumentieren den Populär- Status dieses Flugzeugs.
Eine ganze Halle, in der eine vergleichbar gut restaurierte B17 Flying Fortress ausgestellt ist, beschäftigt sich mit den Bombenflügen im Zweiten Weltkrieg. Ein hochbetagter Volunteer gibt sich als Veteran zu erkennen: "I was on board".
Er heißt Alan und fragt uns: "Where are you from?" Auf unser "Germany" zuckt kurz und antwirtet: "Oh my godness", fährt aber dann fort: "So far away from home. Welcome here in our small town museum" Ob seine spontane Reaktion mit dem Krieg und unserer Herkunft oder tatsächlich mit der weiten Anreise zu tun hat können wir nicht deuten.
Jedenfalls gibt er detaillierte Erläuterungen aus erster Hand für den der es möchte. Auf uns wirkt die Darstellung des Bombenterrors, dieses Mal aus der Sieger- und Heldensicht, zutiefst beklemmend und verstörend, das Thema wühlt einen innerlich auf, man steht mit großer Ehrfurcht vor den Bildern, Dokumenten und Zeitzeugen.
Die Ausstellung ist toll aufgemacht, man kann in einem der Flugzeuge mehrfach ins Innere der Maschine schauen, der Duft von Maschinenöl und Leder nach so langer Zeit überrascht. Insgesamt ein phantastisches Flugzeug-Museum, in dem man allein der schieren Masse wegen Tage verbringen könnte.
Nach diesem langen Tag sind wir froh, nicht mehr allzu weit fahren zu müssen und sind um kurz vor 5 wieder an unserem Platz. Der Einfachheit halber hätten wir heute noch einmal das BBQ-Lokal von gestern angesteuert und diesmal to go bestellt; es hat jedoch heute zu.
So sitzen wir am Abend noch lange vor dem RV.
Ich versuche, mit Hilfe der für ein Resort grottenschlechten WLAN-Verbindung den Blog zu aktualisieren, was mich etliche graue Haare kostet und am Ende scheitern lässt. Susanne plant und bucht mit mehr Erfolg die Campgrounds für die beiden letzten noch offenen Nächte. Angesichts der Einöde westlich von Phoenix ein sehr mühsames Unterfangen. Aber nun ist alles bis Los Angeles in fixen Tüchern. Ein Blick auf die Liste der Campgrounds auf unserem Weg gen Westen lässt uns realisieren, dass der Urlaub dem Ende zu steuert.