Der letzte Tag vor dem Heimflug. Es ist schon ein wenig Melancholie im Spiel, wenn man morgens denkt, das ist das vorletzte Frühstück in unserem Ferienhaus auf Rädern. Aber noch geht es nicht heim, heute steht ein wenig Los Angeles auf dem Programm.
Es ist echt praktisch, was man mit der UBER- App alles machen kann. Einen Mietwagen buchen, und dann die Taxifahrt dazu. Dafür ist dann die Mietwagen- Übernahme bei AVIS am Burbank Airport eine mühselige Prozedur, die an alte Analog- Zeiten erinnert.
Zum Flughafen hatte uns ein freundlicher Fahrer gebracht. Er hatte kein Problem mit unserem Kindersitz, und die Maskenpflicht in Taxis ist, meinte er, seit Montag Geschichte. Wieder wird uns bewusst, wie sehr uns die hiesige Freiheit fehlen wird...
Unser heutiges Gefährt ist ein kleiner quietschgelber KIA Soul. Für Susanne am Steuer ist es sowohl Umstellung als auch Erleichterung, nach tausenden RV- Kilometern nun in einem „normalen“ Auto unterwegs zu sein: Die Straßen sind breiter, und man kann zügig beschleunigen. Jedoch wird in Kalifornien und insbesondere hier in Los Angeles gefahren, als wäre der Teufel hinter jeder einzelnen Autofahrerseele her. Drängen, Rasen, rechts Überholen, reinquetschen in engste Abstände - schlimmer als in Süditalien.
Drei Punkte stehen auf unserer Liste, und gleich das erste macht uns ein paar Schwierigkeiten: von welchem Punkt kann man das berühmte HOLLYWOOD- Sign am bestens vor die Linse bekommen? Unser Reiseführer der Route66 lotst uns richtigerweise auf den Mulholland- Drive, gibt jedoch falsche Koordinaten an, die uns auf der engen Berg- und Panoramastraße zu einem sehr feinen Ausblick auf die Nord Hollywood/ Burbank- Ebene führen, aber mehr nicht. Wir fahren den langen kurvigen Drive herunter. Riesige Villen stehen hier, bestimmt sind wir an dem einen oder anderen Haus vorbeigefahren, dessen Besitzer wir dem Namen nach kennen. Nach ein paar Kilometern steht ein Mann am Rand und telefoniert. Wir halten an, ich gehe zu ihm hin und frage: "We are a little bit lost. We want to see the big Hollywood sign." "Oh, it's on another hill, not here. Follow the Mulholland Drive for some miles."
Ok, dann weiter auf dieser Straße mit dem berühmten Namen, bekannt durch den Film von David Lynch.
Ein gutes Stück Straße und einige frustrierte Gedanken später öffnet sich bei der Einfahrt auf ein Privatgrundstück der Blick auf Downtown Los Angeles. Ich versuche mich an einem Foto, da spricht uns ein Passant an: "Take the Scenic lots. There are lots of them". Alles klar, also weiterfahren. Der erste Lookout ist abgesperrt und abgeschlossen, somit also weiter. Der Blick öffnet sich wieder, und auf einmal ruft Susanne: "Da ist es doch!" und deutet auf den Hügel gegenüber. Tatsächlich, dort, in etwa einem Kilometer Entfernung, stehen die berühmten Buchstaben am Hang. Wir sind begeistert, dass es doch noch geklappt hat und wir diese Ikonen Hollywoods nun sehen.
Die Buchstaben dienten ursprünglich der Werbung zum Kauf von Grundstücken in dieser damals öden und abgelegenen Gegend. Dann begann irgendwann der Kult- Status, trotzdem verfielen die Buchstaben in den 70ern. Es ist im Wesentlichen Playboy- Gründer Hugh Hefner zu verdanken, dass sie überhaupt noch existieren und dass der Hügel nicht bebaut wurde. So versteigerte er 1978 auf einer Benefiz- Gala symbolisch die einzelnen Buchstaben, Rockstar Alice Cooper zB. kaufte dabei für 27.700 Dollar das erste O. Einen schönen Blick auf Downtown Los Angeles und die unermessliche Größe der Stadt bietet der Aussichtspunkt und ein zweiter etwas später noch obendrein.
So können wir uns dem zweiten Punkt unserer L.A.- Liste zuwenden: Die James Bond- Ausstellung im Petersen Automotive Museum am Wilshire Boulevard. Um dorthin zu kommen, müssen wir Hollywood durchfahren. Hollywood Bowl, Hollywood Boulevard, Sunset Boulevard, Santa Monica Boulevard - wir passieren große Namen auf unserem Weg, gesehen haben wir davon außer den Schildern freilich nicht viel auf unserer Durchfahrt.
Das Petersen Museum ist von außen ein herrlich schriller Bau; im Kern ein ehemaliges Einkaufszentrum, das in den 90ern zum Museum umgebaut wurde, seine rot-silber gestreifte Fassade trägt es seit 2015.
Hier werden in großem Stil u.a. Oldtimer und Rennwagen präsentiert. Uns interessiert jedoch nur die Sonderausstellung im Erdgeschoss: BOND IN MOTION, "Collection of original James Bond vehicles". Den Besuch hier hatte Susanne mir zu Weihnachten geschenkt, mit Aufkleben der Sticker- Eintrittskarte wünscht sie mir nochmals mit einem Lächeln "Frohe Weihnachten!"
Die Ausstellung ist eine Wucht. Wir stehen vor den Autos, die in den Filmen verwendet wurden, allen voran natürlich der Aston Martin, an den sich Sean Connery in GOLDFINGER so ikonisch lehnt, hier das in GOLDENEYE usw. verwendete Modell. An diesem Lenkrad hat der großartige Pierce Brosnan gesessen bei der Verfolgungsjagd mit Famke Jansen, später dann auch der - von mir nicht favorisierte - Daniel Craig. Dann geht es weiter: Der Ford Mustang aus IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT. Die gelbe 2CV-Ente aus FOR YOUR EYES ONLY. Natürlich der Lotus Esprit aus DER SPION DER MICH LIEBTE. Der Hubschrauber aus LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU, BMWs aus... - und so weiter. Begeistert stehe ich als Bond-Fan vor jedem einzelnen Ausstellungsstück. Genial.
Trotzdem müssen wir irgendwann weiter. Wir gehen zurück zum Auto, für das wir zum Glück eine nahegelegene Parklücke in einem Wohngebiet gefunden hatten.
Nun noch einmal 13 Meilen durch die Stadt zum In'n'Out- Burger am Sepulveda Boulevard. Nicht wegen des Essens, das ist, Susanne wird es probieren, eher dürftig - im Burgerladen geht es bei Bestellung und Warten auf das Essen zu wie im Taubenschlag, der Laden ist gerammelt voll, und die Autos am Drive Thru stauen sich bis auf die Straße. Sondern hier ist der berühmteste Spotter- Platz der Welt, 500 Meter vor der Landeschwelle des Los Angeles Airports fliegen die Airliner hier so tief drüber hinweg, dass es eine laute Schau ist. Schon 2019 wollten wir hierher, damals hat es nicht geklappt, aber heute. Und es ist wirklich beeindruckend: Eine A380 von British Airways schwebt über die Straße, als wir noch nach Parkmöglichkeiten fahnden. Das Abstellen des KIAs erweist sich dann aber als erstaunlich unproblematisch, wir parken einfach beim Burgerbrater auf dem Hof. In der folgenden guten Stunde erleben wir dann Flugbetrieb hautnah, viele Flugzeuge kommen herein, andere starten, was man aus dem Außenbereich des Restaurants auch sehr gut sehen kann. Es sind erstaunlich wenig Spotter hier, in Frankfurt würden hier viele Dutzend stehen; besonders da, wie mir ein offensichtlich bestens informierter Securitymann sagt, der A380 von eben nur am Wochenende käme.
Ich versuche, ein paar der bekannten Motive umzusetzen, beim letzten Flugzeug das wir uns ansehen können, passt dann alles, eine ANA Boeing 777 aus Japan in optimaler Perspektive.
Nun müssen wir wieder zurück nach Burbank. Mit dem Navi kein Problem, es lotst uns zuverlässig über die Freeways und Boulevards, bis wir wieder im gleichen Autoverleih- Parkhaus stehen, in dem wir den Wagen heute Vormittag übernommen hatten.
Jetzt nur noch zurück RV- Park kommen. UBER sollte es möglich machen, wir erwarten den Fahrer im Pickup- Bereich der Autovermietungen. Dann meldet die App, der Fahrer sei da, es ist aber nichts von ihm zu sehen. Wir rufen ihn an und fragen, wo er sei und wo wir wie angegeben auf ihn warten. Er stehe vor dem Terminal B und wartet auf uns, er könne (und wolle) nicht dahin fahren wo wir sind.
So müssen wir jetzt bei mehr als 30 Grad und einem langen Tag mit dem schweren Kindersitz und dem ziemlich erschöpften Oskar sowie Rucksäcken irgendwie zum Terminal kommen. 500 Meter beschilderter Fußgängersteig mit Treppen und zum Großteil defekten Laufbändern werden für uns zur Qual. Vor dem Terminal finden wir unseren Fahrer, der von uns nicht kniggemäßig begrüßt wird, vor allem da er in seinem gut klimatisierten Auto lässig sitzend einfach nur auf uns wartet und die Zeituhr schon laufen lässt.
Er fährt uns dann mit einem irrwitzigen Tempo zurück zum RV- Park, dabei läuft esoterische Musik mit tiefen Bässen in undezenter Lautstärke. Am Schluss entschuldigt er sich, dass am Burbank Airport für Taxifahrer strikte Regelungen gelten würden was das Aufnehmen von Passagieren betrifft. Klingt für uns nicht unbedingt glaubwürdig, aber sei es wie es sei.
Den Rest des Abends verbringen wir mit der Vorbereitung unseres RV für die morgige Abgabe. Kurz vor Mitternacht trinken Susanne und ich noch ein letztes Glas Wein zwischen den sich im Innenraum stapelnden Koffern und Taschen. Wir sind bereit, das Wohnmobil steht für die Übergabe bereit. Emotional sind wir es eher nicht...
