Wir verlassen mit keinerlei Widerwillen diesen lausigen Campground. In der KOA-Welt fehlt es offensichtlich an festen Standards, wenn unter gleicher Marke solch eklatante Unterschiede wie die zwischen den Plätzen in Carlsbad und Benson auftreten können. Diese erstaunlichen Unterschiede in der Qualität hatten wir ja schon 2019 erlebt. Jeder WALMART schaut gleich aus, jeder Burgerbrater gibt detaillierte Standards vor, aber nicht KOA - wohlgemerkt in der preislichen Oberliga angesiedelt.
Wie zur Bestätigung schauen wir in der Ausfahrt auf den kleinen Spielplatz, der nur aus einer Schaukel und einer Bank für die Eltern besteht, die "Pet Zone" des Platzes ist dagegen dreimal so groß und bietet den auszuführenden Hunden mehr Infrastruktur.
Wir wollen heute Pulverdampf schnuppern, es geht nach Tombstone, der legendären Westernstadt. 1878 wurde hier in der Einöde des südlichen Arizona ein großes Silbervorkommen entdeckt. Sofort begann der Boom, die Stadt zählte in ihren Glanzzeiten über 15.000 Einwohner und war damit zu dieser Zeit nach San Francisco die zweitgrößte Stadt westlich des Mississippi.
Heute ist alles touristisch ausgerichtet. Historische und historisch nachgebaute Saloons und andere Gebäude vermitteln das Flair einer Stadt des Wilden Westens, dabei jedoch unaufgeregt und mit einer gewissen sympathischen Lässigkeit, fernab von Disneyland. Kostümierte Menschen, umherfahrende Kutschen, gut gemachte Kulissen, man kann Cowboyhüte kaufen und einen Whisky im Saloon trinken - es macht Spaß, in diese Welt ein wenig hineinzuschnuppern.
Als wir gegen 11 Uhr ankommen, ist es für einen Samstag noch recht gemütlich leer an Touristen, fast intim.
Höhepunkt des Stadtbesuchs ist natürlich eine Schießerei: Tombstone war 1881 Schauplatz der legendären Schießerei am O.K. Corral mit Sheriff Wyatt Earp und Doc Holliday, die sich tapfer den Ganoven zur Wehr setzten; mehrfach verfilmt u.a. mit Burt Lancaster/ Kirk Douglas, Kurt Russell/ Val Kilmer oder Kevin Costner/ Dennis Quaid.
Dieses Ereignis wird mehrmals täglich in einer kleinen Freilichtbühne nachgestellt: "Gunfights Daily". Das ist gut gemacht, es knallt ordentlich, und am Ende liegen die Schurken im Staub.
Susanne und Oskar machen auf Wunsch unseres Zwerges eine kleine Postkutschenfahrt, vorher hatten wir schon einen Comedy- Shootout besucht; da wurde das ganze Thema der Schießerei zwischen den „Guten“ und „Bösen“ ein wenig auf die Schippe genommen.
Nach diesem Western- Freilichttheater fahren wir einen großen Bogen fast bis an die mexikanische Grenze. Hier hatten wir eigentlich eine großflächige Wüstenlandschaft erwartet. Doch weit gefehlt: Hügeliges Grasland bis zum von Bergen begrenzten Horizont, dazwischen die ein oder andere Winery - wer hätte das gedacht.Es ist eine pure Freude, durch diese landschaftliche Schönheit zu fahren, die man mit niemandem teilen muss: Keine Ortschaften oder Industriegebiete weit und breit, keine Bergbahn verschandelt die Berge, man steht nicht inmitten hunderter Menschen im Anblick einer Sehenswürdigkeit, sondern ist mit sich hier allein auf weiter Flur und genießt einfach nur die pure Lust an diesem fantastischen panoramaartigen Landschaftsbild. Dass die Grenze nun sehr nahe ist, bemerkt man an den häufig auf den Straßen anzutreffenden weißen Pickups der US Border Patrol und den an mehreren Stellen aufgebauten Kontrollstellen, die jedoch heute Nachmittag alle geschlossen sind.
Ein gutes Stück vor der Grenzstadt Nogales fahren wir wieder nordwärts in Richtung Tucson. Dort wollen wir uns eigentlich die Missionskirche von San Xavier dal Bac anschauen. Doch es greifen wieder einmal die hierzulande leider üblichen Öffnungszeiten: Die Kirche schließt bereits um 16 Uhr. Das schaffen wir nicht, also können wir direkt zu unserem Campground fahren: Mangels Alternativen am heutigen Ostersamstag ist es nichtsdestotrotz wieder ein KOA, diesmal aber einer mit guten Kritiken beleumundet und als "Resort" eingestuft.
Und in der Tat ist diese riesengroße High End- Ferienanlage - nie war das Wort Campingplatz deplazierter als hier - eine Top- Location. Sites, Wege und Rabatten sind sauber und gepflegt. Wer will, kann sogar unter großen Flachdächern stehen, die vor der gerade in den Sommermonaten enormen Hitze schützen. Das schaut einigermaßen irritierend aus, verbindet man mit Camping doch weitgehend etwas Naturverbundenheit, wie auch immer das bei jedem ausgeprägt ist. Aber die Schattenplätze sind wie wir sehen ausgebucht. Wir stehen Open Air, auf unseren RV wirft nur ein kleines Bäumchen Schatten. Die Nachbarn kommen aus Colorado; sie leben mit zwei mittelgroßen Hunden in ihrem luxuriösen Trailer, ein Haus haben sie nicht mehr. Bei ihnen daheim liege noch Schnee, meinen sie, da sei es doch schöner, im Süden herumzureisen. Leider sei im Zuge von Corona in den USA ein ungeheurer Camping- Boom ausgebrochen, so dass es streckenweise schwierig sei, Plätze zu finden. Aber viele würden ihre RVs bereits wieder abstoßen, weil das Campen auf Dauer doch nicht jedermanns Sache ist - alles auch in Deutschland bekannte Phänomene.
Wir machen noch einen kurzen Spaziergang, füttern Fische im Teich der Anlage, schauen Kindern beim Plantschen im Pool zu und kehren am Abend ein im BBQ- Restaurant des Platzes. Es ist immer wieder faszinierend, welches Ambiente die Amerikaner in solchen Lokalen als angenehm finden. In dem großen hellen Raum mit blanken Tischen dieses Familienrestaurants hängen sieben Großbild- Fernseher, auf denen Sportübertragungen laufen: Baseball, Golf, Boxen, Basketball etc., ohne Ton natürlich, aber in der Bilderflut erst einmal erschlagend für im nicht bewusst Hinsehen ungeübten Augen. Oskar ist schlicht überwältigt. Wir bestellen Ceasarsalad, Chicken Nuggets und Burger - für wen ist was? -, dazu für die Erwachsenen Bier aus einer umfangreichen, jedoch außer den eher flauen Bud Light und Coor's gänzlich unbekannten Liste.
Das Besteck ist aus Plastik, mehrfach verwendbar allein die Salatschüssel, das Bier - wir hatten uns für "XX LAGER" entschieden - trinkt man aus der Flasche.
Am Ende steht einschließlich obligatem Trinkgeld dann aber doch eine Summe, die in Deutschland durchaus einem Mittelklasse- Restaurant einschließlich einem Glas Wein entsprochen hätte.
Beim angenehm kurzen Heimweg zum RV steht der Vollmond am Himmel, ein stimmungsvoller Schlusspunkt dieses Tages.