In der letzten Nacht war es richtig kalt, wir haben alle Deckenreserven ausgeschöpft. Die Frühstücksvorbeitungen erfordern Fleecejacke und ein Ignorieren von kalten Füßen. Als dann jedoch die Sonne hinter den Bergen hervortritt wird es schnell warm. Beim Frühstück genießen wir durch das Fenster den Blick hinaus in die Ebene und auf die fernen Berge. Oskar erkennt sogar einen langen Güterzug in weiter Ferne.
Wir wollen uns heute die Dünen im White Sands National Park anschauen. Dafür müssen wir zunächst die kurze Strecke nach Alamogordo zurück und biegen dann in die US70 ein. Hier wird einem sofort klargemacht, dass die Ebene nicht nur zivil genutzt wird: Ein Schild zeigt an, dass - wenn die Warnlampen blinken - Raketen- oder andere Schießübungen stattfinden und dann die Bundesstraße zeitweise gesperrt ist. "Expect one hour delay".
Die Wüste um White Sands und Alamogordo wird seit langem militärisch genutzt, sie ist mit 8.300 Quadratkilometern die größte militärische Einrichtung der USA. Hier findet sich zum Beispiel die Holloman Air Force Base und die Missile Range, das Testgelände für Raketen und Drohnen der USArmy. Auch die NASA ist hier aktiv, 1982 landete hier sogar einmal ein von der Edwards Air Force Base umgeleitetes Space Shuttle. Am spektakulärsten war sicherlich die Zündung der ersten Atombombe am 16. Juli 1945.
Heute blinkt kein Licht, und wir fahren an der Holloman Base vorbei. Man sieht hinter dem Zaun eigentlich nur ganz normale Wohnhäuser wie in irgendeiner Vorstadt; an Flugzeugen sind nur zwei große Leitwerke in der Ferne und eine landende F16 zu sehen.
Die Dünen des Nationalparks leuchten schon von weitem. Eine Straße führt vom Visitor Center aus hinein. Zu meiner großen Überraschung zückt Susanne eine schon in Deutschland gekaufte "America the Beautiful"-Jahreskarte für die Nationalparks.
So fahren wir ruckzuck durch die Einlasskontrolle und in den Park hinein. Die Straße führt direkt in die Dünen. Sie muss täglich gekehrt werden, damit sie nicht zugeweht wird und versandt. Die Straßenränder sehen stellenweise so aus, als wäre Schnee geräumt worden.
Der Sand ist Gips, der durch Erosion von den San Andreas Mountains gelöst wird und vom stetigen Wind hier abgeladen wird.
Auf dem Desert Life Trail laufen wir dann eine gute Stunde durch den pulverartigen weißen Wüstensand. Am Startpunkt, dem Trailhead, warnt ein Schild nachdrücklich, genug Wasser mitzunehmen.
Wir sind kaum gestartet und haben die Dünen betreten, schon umgibt uns eine völlig andere Welt, still und so gleißend hell, dass es ohne Sonnenbrille nicht auszuhalten wäre.
Einige zähe Pflanzen haben sich mit diesen extremen Bedingungen arrangiert, und mehrere Tafeln erklären, welche Tiere hier leben und sich der Wüste angepasst haben: Zum Beispiel eine Fledermausart, die in Ermangelung von fliegenden Insekten überwiegend am Boden jagt; oder eine Wespe, die in einem Kampf auf Leben und Tod eine viel größere und kräftigere Spinne tötet und ihr ein Ei injiziert, so dass die Wespenlarve in der toten Spinne heranwächst und so geschützt ist. Wir spazieren mit großer Ehrfurcht durch diese unwirkliche Umgebung mit ihrer brennglasartigen Helligkeit.
Zurück auf dem Parkplatz stehen vor uns drei Wohnmobile mit europäischen Kennzeichen: Je eins aus Fribourg und Neuchatel in der Schweiz, und das einer Familie mit zwei kleinen Kindern aus dem Pas-de-Calais, dem Shti's-Land in Nordfrankreich; dieses war Susanne schon an den Carlsberg Caverns aufgefallen.
Von einem Pärchen, das mit gleichem Wohnmobil-Modell wie wir unterwegs sind, werden wir am Parkplatz angesprochen. Eines der Unterboden- Schläuche hinge bei uns soweit herunter, dass wir wenn es ganz schief läuft hängen bleiben und es abreißen könnte. Also hier nach dem weiterhin tropfenden Wasser unter der Spüle eine weitere kleine „Baustelle“, die wir aber erst abends am Campingplatz genauer inspizieren wollen.
Zweiter Stopp etwa einen Kilometer weiter ist ein auf einem Steg angelegter etwa 200 Meter langer Weg in die Dünen, der vergleichsweise unspektakulär ist. Viel spannender und vor allem lustiger sind unsere Rutschversuche an einem etwas steileren Hang. Eine Familie leiht uns hierfür freundlicherweise eine ihrer Rutschschalen aus.
An dieser Stelle endet auch der Asphalt der Zufahrtsstraße, weiter geht der Drive nur durch festgefahrenen Sand. Da wir nicht wissen, ob die Weiterfahrt auf diesem Untergrund für unser Leih-RV versicherungstechnisch erlaubt ist, fahren wir nicht weiter in die Dünen hinein. Auch so war das Erlebnis sehr eindrucksvoll.
Wir reisen weiter nach Westen auf einer 39 Kilometer langen Gerade durch die Ebene und passieren die Missile Range der USArmy.Danach geht es über einen Pass über die San Andreas Mountains, deren Bergzug heute schon den ganzen Tag deutlich vor uns lag. Auf der anderen Seite führt die Straße nach Les Cruces hinab. Dieser Ort ist flächenmäßig riesig, wir brauchen eine Viertelstunde auf mehreren Interstates, um hindurchzufahren. Am Ende ist es wieder die Interstate 10, die uns weiter westwärts führt.Zum ersten Mal absolvieren wir irgendwo auf dieser durch das Nichts führenden dicht befahrenen Autobahn eine "Inspection" der US Border Patrol auf der Suche nach illegalen Migranten: Der gesamte Verkehr wird am Kontrollhäuschen vorbeigeführt. Als wir an der Reihe sind ruft uns der Beamte schmunzelnd irgendetwas zu; wir verstehen kein Wort, fragen nach, erhalten ein Daumen hoch als Antwort und fahren weiter. Schade, dass wir den wahrscheinlich witzigen Ausspruch nicht verstanden haben.
Bald darauf beginnt ein Wettrennen mit einem langen Güterzug auf der parallel zur Autobahn laufenden Strecke El Paso - Tucson. Wir sind kaum schneller als die vier Loks mit ihrer Schlange bunter Containerwagen, trotzdem sind wir schnell genug in Deming, und mir gelingt bei der Durchfahrt der dröhnenden Maschinen ein ordentliches Foto.
Nun sind es noch 59 Kilometer absolut kurvenloser Landstraße, bis wir unseren heutigen Campground im in der völligen Wildnis liegenden City of Rocks State Park erreichen.Im Nirgendwo der Prärie hat die Hand des geologischen Schicksals eine über eine Fläche mehrere Fußballfelder große rundgeschliffene Felsbrocken hingeworfen, und zwischen diesen Felsen liegen die einzelnen Campsites. Es heißt, dieser Platz sei einer der schönsten der USA, und tatsächlich ist das ganze Ambiente mit den zwischen den Felsen natürlich angelegten Stellplätzen und der Aussicht in die Weite einzigartig.
Wir haben großes Glück und bei unserer Reservierung - bei der nur noch dieser eine einzelne Platz frei war - eine Stelle mit Sonnenuntergangsblick erwischt.
Im Licht der frühen Abendsonne machen wir noch einen kurzen Spaziergang zwischen den Felsen. Danach genießen wir den Sonnenuntergang auf unseren Campingstühlen direkt vor dem RV sitzend. Der Blick geht hinaus auf endlose Weiten, auf Prärie bis zum Horizont; es ist ein Bild, dass an die afrikanische Savanne erinnert.