Es ist fast windstill heute morgen, als wir den RV starten. Nichts erinnert mehr an den Sturm von gestern. Wir wollen heute über die Berge nach Alamogordo. Susanne hat jedoch im Internet herausgefunden, dass auf unserer eigentlich favorisierten Route via Roswell ein Waldbrand gemeldet ist. Ich frage daher im Campground Office um Rat. Eine kurze Recherche ergibt, dass die Strecke tatsächlich gesperrt ist. Was nun? Es gibt weiter südlich einen zweiten Pass. Dieser sei jedoch, so der Mann im Office, in der Abfahrt sehr steil und es gäbe einen Tunnel. "You could go there but I would not recommend that route" meint er und empfiehlt einen Mega- Umweg über El Paso. Susanne und ich beratschlagen uns und wir entscheiden, den südlicheren Pass zu nehmen; laut Google Maps ist das zwar ein wenig kurvig, aber eine gute Straße. Außerdem wissen wir seit dem Mount Washington NH, dass die Amerikaner generell einen großen Respekt vor Bergstraßen mit engen Kurven haben. Damals in Neuengland war uns quasi die Mutter aller Gebirgsstraßen angekündigt worden, die Realität jedoch erwies sich als harmloser als ein durchschnittlicher Alpenpass.
Erst einmal geht es für uns nun also in Richtung Roswell, der UFO-Stadt schlechthin. Hier geht die Legende, dass 1947 ein UFO abgestürzt sein soll. Bereits vor dem KOA-Office hatten grüne Männchen gestanden.
Aber viel gibt es dort nicht zu sehen außer einem gut gemachten Souvenirshop. Wir wären also in jedem Fall durchgefahren, mit der aktualisierten Planung biegen wir schon weit vorher in Artesia ab Richtung Westen.
Das Städtchen schaut auf der Durchfahrt bis auf eine Raffinerie ganz sauber aus, an mehreren Stellen im Zentrum stehen lebensgroße eiserne Denkmäler, die Szenen aus der Geschichte des Ortes abbilden.
Auf die besonderen Straßenverhältnisse am Pass weisen mehrfach Schilder hin, es geht im Wesentlichen um Limits bei der Fahrzeuglänge und - gewicht, also nichts was uns beträfe. Und Schnee liegt auch keiner.
Anfangs führt die Straße durch eine fruchtbare Prärie, auf den Weiden mit gelbem Gras fressen Rinder. Die in den ersten anderthalb Stunden durchfahrene Landschaft mit ihrer endlosen hügeligen Prärie erinnert an diverse Karl May- Romane. Vom Gebirge, das wir überqueren wollen, ist erst einmal nichts zu sehen.
Die Straße erweist sich auch fahrerisch als Volltreffer. Sie ist neu geteert und ihre Trasse bietet abwechslungsreiche Kurven. Es geht kontinuierlich bergauf, so dass wir als die Hügel später ausgeprägter werden und wir endlich in "richtige" Berglandschaften kommen bereits 1.600 Meter hoch sind. Nun werden die Kurven ein wenig enger. Ein Flusstal nimmt unsere Straße auf und leitet uns mit moderater Steigung weiter bergan. Kühe grasen auf den Weiden im Talgrund, es gibt vereinzelt Farmen und in einer Kurve sogar eine Elementary School. Erst hier frischt jetzt auch der Wind auf, nachdem es vorher draußen in der Fläche immer noch ruhig war.
Auf 2.000 Meter liegt Mayhill, einige Häuser entlang der Straße, ein Café, ein Friseur, ein General Store, drei Kirchen, und mindestens drei Campingplätze.
Aber auch hier gibt es noch Ranches, deren Namen an den zum Teil mächtigen Einfahrten stehen. Einzelne Lodges und Ferienhäuser warten auf Kundschaft, ein etwas ältlich wirkender Sessellift bildet das örtliche Skigebiet. Schnee liegt an einzelnen Stellen tatsächlich auch noch, aber nur in kleinen Flecken an den Hängen im Schatten großer Bäume. So geht es weiter auf schöner Straße entlang des Baches bergauf.
Ganz oben am Pass auf 2.630 Metern liegt Cloudcroft, der Hauptort des Tals. Er wartet auf mit einigen gut gepflegten Western- Häusern, einer Schule mit wartenden Schulbussen davor, zwei Tankstellen, ein wenig touristische Infrastruktur und Hinweisschilder auf Wander- Trails.
Hinter dem Ort geht es bergab, und in der ersten Kurve öffnet sich zwischen den Bäumen der Blick in die 1.400 Höhenmeter tiefer liegende Wüstenebene, hohe Berge dahinter und mittendrin die riesige Fläche der White Sands- Dünenlandschaft.
Nun geht die Straße wie erwartet ordentlich bergab, gut ausgebaut und mit moderatem Gefälle - kein Vergleich mit einer Alpenstraße. Hier hätten wir nach den Hinweisen aus dem Campground- Office eher so etwas wie den Seefelder Sattel erwartet und sind sehr glücklich, trotz der Warnung diese Route gewählt zu haben.
Am unteren Ende der Passstraße erwartet uns das am Rand der Wüste gelegene Alamogordo mit sommerlichen Temperaturen. Die Stadt wirkt beim Durchfahren sauber und gepflegt, kein Vergleich zum Beispiel mit dem staubigen Carlsbad jenseits des Gebirges. Dieses fällt auf dieser Seite steil und schroff ab, die nackten Felswände lassen nicht vermuten, dass auf der anderen Seite bis ganz oben üppige Vegetation zu finden ist.
Unser heutiger Übernachtungsort ist der Oliver Lee Memorial State Park ein paar Meilen südlich der Stadt. Der Weg dorthin führt uns auf die Schnellstraße nach El Paso - ein schnurgerades Asphaltband in die Endlosigkeit, mit flimmernden Hitzeseen als Fata Morganas. Der Platz liegt dann etwas über der Ebene auf einem Schuttgürtel unter den schroffen Felswänden und bietet eine grandiose Fernsicht; die Sites liegen weit verstreut, dazwischen Kakteen, kleine Palmen und dürre Dornensträucher - eine sehr eindrucksvolle Location für einen Campground.
Außerhalb des Platzes, darauf wird hingewiesen, gibt es Klapperschlangen, für die es jedoch einfache Verhaltensregeln gibt.
Wir müssen zum ersten Mal leveln, da der Untergrund nicht gerade ist; dafür fährt man das Wohnmobil auf kleine Rampen auf, die wir im Stauraum mitführen. Danach machen wir Brotzeit in der Sonne, im Schatten ist es auch durch den kontinuierlichen Wind zu kalt. Da wir heute für unsere Verhältnisse schon sehr früh angekommen sind, haben wir den halben Nachmittag frei. Susanne hat sich ziemlich erkältet und ist froh um die Erholung.
Durch den kühlen Wind können wir uns später für das Feierabendbier nur noch vorn vor den RV setzen, denn nur da hat es Windschatten. Der stimmungsvolle Sonnenuntergang über der Ebene und den Bergen dahinter ist dann ebenso kurz wie gigantisch.
Bald leuchten die Lichter der großen Holloman Air Force Base in der Ferne.
Kaum ist die Sonne weg, wird es empfindlich kalt und wir packen die Campingstühle wieder ein.
Im Dunklen dann noch ein kurzer Plausch mit dem Campground- Chef vor unserem RV. Er spricht mich an auf das "B" auf meinem RED SOX- Cap, bei ihm stünde "NY", da er aus New York stammt, und sich auch noch so anhört. Er heißt Joe und freut sich über internationale Gäste. Ich erzähle ihm, dass "sein" Platz auf einer deutschen Internet- Seite (Womo- Abenteuer) von vielen hoch gelobt wird. Er gibt Tipps für White Sands und für einen Campground an der mexikanischen Grenze. Nach Mexico sollte man nur am Tag gehen, meint er, die Grenzorte bieten sehr attraktive Einkaufsmöglichkeiten, gut sortierte Optiker und eine für Amerikaner günstige ärztliche Versorgung. Auf meine Frage hinsichtlich der Qualität antwortet er: "Glasses in good quality, the dentists are ok, but for an open heart surgery I would prefer other options, you know what I mean?" Zum Abschied schüttelt er mir die Hand und wünscht uns "Take a good ride down to California".