Zum heutigen Sonntag lassen wir das normale Frühstück ausfallen, denn "um die Ecke" vom RV Park lockt Nury's Diner mit einer üppigen Frühstückskarte.Das Lokal öffnet um 8 Uhr, und um halb 9 müssen wir bereits auf einen freien Platz warten. Doch schon kurz darauf wird ein Tisch in der Ecke frei, und wir können bestellen: Kaffee natürlich, für Oskar Kid's Pencake, Susanne nimmt "Omelettes Your Way", und ich "Classic Pencake" mit Bacon und Obst. Nicht die kalorienärmste Variante, um in den Tag zu starten, aber sicher eine der leckersten.
Dass wir in Texas angekommen sind, sieht man auch an der Hutmode: Der Stetson wird hier gern getragen.
Um heute nicht zu sehr in Hetze zu geraten, lassen wir die beiden Vormittags- Programmalternativen ganz aus: Wir besuchen weder das unweit gelegene "Texas White House" wiederum von Lyndon B. Johnson noch das Natural Monument der Enchanted Rocks. Statt dessen fahren wir noch einmal über die heute morgen wie ausgestorbene Main Street, tanken am Ortsausgang zu vergleichsweise günstigen 3,75 Dollar die Gallone voll und verlassen Fredericksburg Richtung Südwesten auf der Texas 18.
Das sanfte leicht ockerfarbene Hügelland von gestern setzt sich ebenso fort wie die deutsch klingenden Namen rechts und links. Erneut sind Winerys ausgeschildert, an den Bäumen zeigt sich zart das erste Grün, darüber blauer Himmel mit ein paar Wolken - es ist einfach schön hier.
Nach Kerrville wird die Straße schmaler und kurviger. Es geht zunächst das langgezogene Tal eines Baches hinauf. Dieser scheint gelegentlich deutlich über die Ufer zu treten, denn des öfteren wird vor Überflutungen gewarnt, und Senken sind mit Schildern versehen, an denen die Höhe bzw. Tiefe des Wasserstandes abgelesen werden kann - für einen durchschnittlichen Pickup wäre bei anderthalb Fuß hohem Wasser wahrscheinlich noch längst nicht Schluss.
Dann beginnt der alpine Teil des Tages, es geht in die Berge. Für amerikanische Verhältnisse werden die Kurven sehr scharf und die Straßenbreite schmal, an manchen Stellen sind wir dann doch froh, dass uns mit unserem großen RV niemand entgegenkommt. Es geht kurvenreich bergauf und bergab, über etwa 90 Kilometer immer wieder hoch und runter - Rollercoaster- Prärie nennt unser Scenic Highways- Führer diese Landschaft, und ergänzt, dass diese Texas Ranch Road 337 eine ausgewiesene National Scenic Route sei. In der Tat eine wunderschöne, jedoch Konzentration und Übersicht erfordernde Straße, und Susanne am Volant meistert sie vorbildlich.
Niedrige meist noch kahle Bäume und Gestrüpp, dazwischen trockene Wiesen und Felsen; es ähnelt hier immer mehr dem Klischeebild, das man von Texas hat.Rechts und links der Straße gehen die Einfahrten zu Ranches ab, die Ellbow, White Creek, Jackpot oder Big Horn heißen, eine Ponderosa Ranch würde hier auch gut hinpassen, überhaupt könnte an mancher Stelle ein Western gedreht worden sein.
Nach vielen Bergen und Kurven erreichen wir Leakey, wo wir nach einer kurzen Pause nordwärts in die US83 einbiegen.
Diese ist zwar deutlich besser ausgebaut als die vorherige Ranch Road, führt jedoch durch die absolute Einsamkeit einer auf einem Hochplateau gelegenen welligen Hügellandschaft mit Gestrüpp und kargen braunen Wiesen. Vereinzelt sind ein paar Rinder zu sehen, überfahrenes Wild ist von schwarzen Geiern umringt, des öfteren bietet sich eine Aussicht nach rechts oder links. Zum Teil kommt uns an diesem Sonntag Nachmittag viele Minuten lang kein Auto entgegen. Jede Gerade dieser Straße ähnelt der davor und der danach und ist doch immer wieder anders, und nach jeder Kurve oder jeder Kuppe scheint sie von neuem zu beginnen. Man gerät fast in eine Art Trance. Trotz aller Monotonie ist auch diese Straße ein Erlebnis. Wir fragen uns, wie die in dieser Einsamkeit auf ihren Ranches lebenden Menschen ihren Alltag, ihren Einkauf oder auch nur schlichtes Tanken organisieren - die einzige Tankstelle auf dieser 70 Kilometer-Strecke war geschlossen und aufgegeben.
Irgendwann erreichen wir die von San Antonio kommende Interstate 10, verlassen sie jedoch kurz darauf wieder und fahren ins tief eingeschnittene Tal des Llano hinunter.
Hinter der verschlafenen Kleinstadt Junction, laut Info auf dem Ortseingangsschild 2.542 Einwohner, Verwaltungssitz des Kimble County, folgen wir dem Fluss ein paar Meilen bis zur Einfahrt in den South Llano State Park. Auf dessen Campground haben wir reserviert, zum Glück, denn er ist ausgebucht.
Heute sind wir für unsere Verhältnisse früh am Ziel angekommen, das Office des State Parks hat noch geöffnet und wir bekommen die Campground- Unterlagen diesmal persönlich übergeben.
Die Back In- Sites sind in einem langgezogenen U angeordnet, unsere liegt günstig sowohl neben den Restrooms (Duschen und Toiletten) als auch direkt gegenüber dem Start des Wanderwegs zum Fluss.
Es ist inzwischen drückend heiß bis 35 Grad geworden. Trotz der Temperaturen machen wir auf diesem Trail noch einen kleinen Spaziergang. Es geht durch lichten Wald mit knorrigen Bäumen, die sämtlich noch kahl sind, auf dem Boden wachsen großblättrige Kakteen. Leider ist das Flussufer zunächst zu steil, um ans Wasser zu gelangen. Kurz darauf wäre eine Kiesbank ein idealer Picknick- und Badeplatz, jedoch weithin schattenlos und dadurch für uns zu heiß.
Wieder zurück auf dem Campground haben wir Wildkontakt: Ein unerschrockenes Gürteltier läuft zwischen den Campsites umher auf der Suche nach Essbaren. Mit ihrem Panzer, dem schmalen Kopf und dem schuppigen Schwanz sind die Tiere faszinierend. Insgesamt sind es mindestens zwei Exemplare, die sich hier tummeln. Sie vermeiden es, sich Menschen näher als etwa drei Meter zu nähern, sind ansonsten jedoch völlig entspannt.
Am frühen Abend hält der State Park sogar noch ein zweites Wild- Erlebnis für uns bereit. In kurzer Entfernung zu unserem im Schatten des RVs aufgebauten Abendbrotstisch aus lassen sich drei Deers beobachten; ein Alttier und zwei Kälber, von der Größe her etwas unter unserem Rotwild einzuordnen. Oskar und ich "pirschen" uns auf dem Wanderweg noch ein paar Meter näher heran und sind keine 50 Meter von den dreien entfernt, als sie ohne jede Hast in das am Rand des Campground gelegene Wäldchen einwechseln.
Bereits früher am Abend konnten wir zum überhaupt ersten Mal eine wirklich seltene Spezies beobachten: Überraschend unfähige US- Camper: Eine Seniorengruppe mit mehreren Fahrzeugen hat ihre Plätze in unmittelbarer Nachbarschaft, sie unterhalten sich auf ihrer Tour über Walkie Talkies. Die Ankunft der ersten Teams konnten wir nicht sehen, aber neben und gegenüber unserem Platz kommen dann zwei Pickups mit Wohnanhängern an, die in ihre problemlos zu erreichenden Back In- Sites nur mit einem jeweils fast viertelstündigem unentwegten Hin- und Her- Manöver einparken. Das große Finale kommt dann bei der Einfahrt der Letzten dieser Gruppe, das wir vor unserem RV aus nächster Nähe miterleben: Eine Frau versucht, mit ihrem Luxus-RV hastig rückwärts und ohne Einweiser in ihre Site einzuparken, anstatt auf ihren kurz darauf in einem separaten Auto ankommenden Mann zu warten. Diese Aufgabe erledigt sie so laienhaft, dass sie die keineswegs kleine dazugehörige Asphaltfläche grob verfehlt und schließlich das Dach eines daneben stehenden Schuppens mit der Rückseite des RV in recht hoher Geschwindigkeit touchiert. Dies geschieht gleichzeitig derart unglaublich zielstrebig wie Slapstick- haft, dass uns aus einer Mischung aus Staunen und Entsetzen der Atem stockt.
Später geht sie mit ihrem Mann zu Fuß an unserer Site vorbei und ruft uns zu: "Did you watch my bad fiasko?" Es erschließt sich uns nicht, ob dies selbstironisch oder anklagend gemeint ist. Wir vermuten letzteres, auch wenn wir nur zufällig Augenzeugen dieses Schauspiels wurden.