Letzte Nacht hatte die Polizei von Santa Rosa Beach wohl aufregende Momente. Auf der sonst nur als leises Hintergrundgeräusch wahrnehmbaren US98 war eine Vielzahl von Polizeisirenen zu hören, und ein einzelnes Motorrad, das sich offenbar in ebenso schneller wie lautstarker Flucht dem Polizeizugriff entzog.
Am Morgen ist jedenfalls alles friedlich und sonnig, als wir gemütlich in den Tag starten.
Während des Frühstücks wird auf dem Nachbarstellplatz der Auflieger-Trailer an den Pickup angehangen. Die Familie aus Kentucky war uns gestern wie heute aufgefallen, da die Eltern völlig Amerika-untypisch unser Grüßen ignorierten; sonst ist ja stets mindestens ein freundlicher Gegengruß üblich, wenn nicht gar ein kurzer freundlicher Smalltalk.
Wir biegen wieder in die US98 West ein und befinden uns gleich in lebhaftem Sonntagsverkehr zu den vielen Stränden.
Auch beim PUBLIX in Miramar Beach, den wir bald ansteuern, ist richtig was los. Dort werde ich freundlich von einem Senioren mit New York Yankees-Cap angesprochen, ich trage ja mein gewohntes Boston Red Sox-Cap. Angesichts des morgigen Spiels zwischen den beiden rivalisierenden Baseball- Altmeistern wird hier im Supermarkt im tiefen Süden die Fanfreundschaft gepflegt.
Oskar möchte seiner Mama unbedingt Blumen kaufen und entscheidet sich für orangerote Rosen. Als improvisierte Blumenvase wird im RV eine Erdnussdose umfunktioniert.
Wieder auf der Straße hat sich der Verkehr verzähflüssigt. Nur langsam passieren wir Fort Walton Beach und merken, wie uns die Zeit davonläuft: Für den am Nachmittag geplanten und unserem Zwerg versprochenen Besuch im Gulf Coast-Zoo wird die Zeit nicht reichen, auch weil der komischerweise schon um 16 Uhr schließt. Wie gut, dass es im deutlich näher gelegenen Gulf Breeze ebenfalls einen Zoo gibt.
Hier wird als Spezialität eine Giraffenfütterung angeboten: Die Zoobesucher können Becher mit Salatblättern kaufen, die dann von den Giraffen verspeist werden, die dafür gerne ihre langen Hälse beugen. Ich nehme Oskar auf die Schultern, und er hat keine Scheu vor den großen Tieren, wenn sie ihm nahekommen und seine Finger berühren. Mit ihren enorm langen Zungen umgreifen die Giraffen vorsichtig die Blätter, das ist faszinierend anzusehen. Ein echtes Highlight unserer bisherigen Zoo-Besuche.
Mit einer kleinen Eisenbahn kann man an den Gehegen von Nashörnern, Nilpferden und Gorillas vorbeifahren, Gazellen und Antilopen stehen direkt neben den Gleisen. Daneben gibt es natürlich auch noch die Zoo-Standardtiere wie Löwen, Zebras und Kängerus, wir bestaunen die riesigen Galapagos-Schildköten, den Ameisenbären und die träge in der Sonne faulenzenden Alligatoren. Der Tigerauslauf ist zunächst leer. Ich frage eine Zoo-Rangerin, ob der Tiger heute nicht zu sehen sei. Nein, meint diese, einfach später nochmal vorbeischauen, der Tiger komme eigentlich regelmäßig in den sichtbaren Teil seines Geheges. Und wir bekommen die Tigerdame tatsächlich noch zu Gesicht, als wir es ein zweites Mal versuchen.
Nach dem Zoobesuch fahren wir weiter westwärts und erreichen über eine erneut sehr lange Brücke Pensacola, die westlichste Stadt im Florida Penhandle. Dort tasten wir uns mühsam mit Navi-Hilfe an den dortigen Leuchtturm heran - nach dem gestrigen Halb-Fehlschlag in St George wollen wir heute unbedingt eine zweite Chance. Doch das Navi weist uns zielstrebig in die Einfahrt der Pensacola Naval Airbase, vor deren Kontrolle wir zum Glück problemlos drehen können. Was die GIs gesagt hätten, wenn wir mit dem RV bei ihnen vorgefahren wären?
Der Leuchtturm liegt im Navy-Areal ist nicht mehr zugänglich für Zivilisten, wie wir recherchieren. Das war uns so eigentlich nur für das Marineflieger-Museum bekannt; auf den Wegweisern hätte das aber gerne auch vermerkt werden können.
Wir schultern unsere Enttäuschung und fahren wieder an die Küste. Hier verschandeln einige unschöne Appartmentblöcke den Strand, aber das ist gar nichts gegen die ebenso gigantische wie scheußliche Bebauung, die uns jenseits der Staatsgrenze in Alabama erwartet.
Hier hat die Monströsität der von den Investoren zu Dutzenden im China-/ Las Vegas-Protzstil entlang der Küstenlinie geklotzten Hochhausbebauung keine Grenzen gefunden. Und wo dazwischen noch Dünen existieren, verkündet bereits ein "Coming Soon Condos"-Schild neue Appartment- Bauten. Auf der dem Meer abgewandten Seite dieser Hochhaus-Front finden sich Supermärkte, Tankstellen und in endloser Folge die Restaurantketten zwischen Waffle House und Taco Bell auf der einen und Applebee's und Olive Garden auf der anderen Seite des Geschmacks. Wie ein Feigenblatt liegt irgendwo dazwischen ein hübsch angelegter State Park.
Wir sind entsetzt und fragen uns, wie man in dieser Architektur der Monumental Synthetik seinen Urlaub verbringen kann. Redneck Riviera...
In Gulf Shores verlassen wir die Küste und biegen im warmen Licht der untergehenden Sonne nach Norden ab.
Über den Baldwin Beach Expressway geht es zügig durch flaches Farmland, hier wird Rollrasen angebaut, dunkelbraune Rinder grasen. Dazwischen stehen gelegentlich wunderschöne Häuser mit gepflegten Anlagen und dicken Autos, jedoch mit direkter Zufahrt zum und Blick aus kurzer Distanz auf den Parkway; diese Resilienz der Amerikaner gegenüber unmittelbarem Autolärm hat uns ja schon bei unserer letzten Tour fasziniert.
Dann bringt uns die Interstate 10 rasch nach Mobile. Kurz vor der Brücke über die Bucht biegen wir in den Battleship Expressway ein - Vorbote für morgen - und erreichen den Meaher State Park. Der Campgroundeingang ist nummerngesichert, den PIN hatten wir schon in der Reservierungsbestätigung erhalten. Susannes Name steht auf der am Office ausgehängten Liste für die Spätankommer.
Wir haben auf diesem unter hochgewachsenen Kiefern angelegten Platz eine echte Volltreffer-Campsite erwischt: Wir schauen direkt auf die Bucht, das Wasser ist kaum 30 Meter entfernt, und die ferne Skyline von Mobile. In einem Kilometer Entfernung überquert zwar die Interstate die Bucht, aber deren Geräusch verschwimmt schnell zu einem Hintergrundrauschen. Kaum sind wir eingeparkt, geht mit einem überwältigenden Farbspiel über der Bucht die Sonne unter.
Wir lassen alles stehen und liegen und berauschen uns an diesem Spektakel. Auch Oskar ist beeindruckt. Für solche Momente sind wir hier...
Mit einem Golfcart schaut ein freundliches älteres Ehepaar vorbei, sie sind Volunteers des Parks und schauen nach dem Rechten, checken unsere Daten und geben ein paar Hinweise für den Campground.
Ein Motorboot lässt sich durch das Uferschilf vorbeitreiben, die beiden Angler grüßen freundlich herüber - perfekte Idylle.
Wir bleiben begeistert draußen bis es dunkel ist, genießen unser Feierabendbier und Abendessen, unser Zwerg spielt und sammelt Kiefernzapfen.
Dann vertreiben uns trotz Insect Repellant wieder die Mücken nach drinnen. Und auch im RV ist erstenmal Jagdzeit, einige vorwitzige Plagegeister haben es selbst durch die Moskitonetze der Fenster geschafft.