Es hatte gestern später am Abend aufgehört zu regnen. Das erspart uns eine Nacht im Trommelfeuer der Regentropfen. Zum Frühstück kommt zu unserer Freude sogar die Sonne heraus.
Heute Morgen ist zum ersten Mal auf dieser Reise Dumpen angesagt, Abwasserentsorgung, die Freude aller Camper: Erst Leerung Blackwater, also des Toilettentanks, dann Greywater (Spül-, Wasch- und Duschwasser) hinterher, um den Schlauch mit dem vergleichsweise saubereren Wasser auszuspülen. Schließlich den Schlauch mit Leitungswasser auswaschen, dann hänge ich das Ganze zum Austropfen an die Leiter, die hinten am RV befestigt ist. Zum Abschluss wird noch das Frischwasser aufgefüllt, bis der Tank oben überläuft. Im mittlerweile dritten Wohnmobilurlaub erinnere ich mich an die Prozedur, so geht das Ganze recht flott und unfallfrei von der Hand.
Der Platznachbar schaut derweil auf einen kurzen Plausch vorbei, nachdem sein jenseitiger Nachbar beim Ausparken mit Pickup und Trailer-Anhänger fast seine Campingstühle überrollt hatte. Er kommt aus Kanada, Provinz Newfoundland/ Labrador laut seinem Nummernschild, und ist auf einer Tour von San Francisco aus ostwärts unterwegs. Wie wir das schwere Gewitter gestern Nachmittag erlebt hätten, fragt er. Am Horizont, antworte ich, da waren wir noch unterwegs. "It was a heavy thunderstorm" meint er noch einmal, dann verabschiedet er sich.
Wir rollen Richtung Platzausfahrt, jeder grüßt und winkt, diese Freundlichkeit macht einfach Spaß hier. Erste Station ist der WALMART in Perry, 86 Kilometer entfernt. Auf dem Weg dorthin säumen zunächst die weißlackierten Zäune einiger Farmen die US19, dann wird die vierspurige Straße wieder so eintönig wie gestern.
Obwohl Perry kaum die Größe hat, um sich verfahren zu können, ist der WALMART erst im letzten Moment in einer Seitenstraße auszumachen. Prompt fahren wir vorbei und müssen nun irgendwo drehen, was bei der Größe unseres Gefährtes nicht leicht ist.
Wir proviantieren uns auf, zudem bietet der WALMART einiges, was wir sehr nötig brauchen, zB. Desinfektionstabletten für unseren Abwassertank, Waschmittel, T-Rex Panzertape sowie Strandspielzeug für Oskar.
Das Wetter ist zwischzeitlich von bewölkt auf wolkenlos gewechselt. Weiter geht die Fahrt, nun über die US98, die in langen Geraden durch einen großen Sumpf führt. Rechts und links der Straße sind ausgedehnte Feuchtflächen, in denen die Bäume und Palmen wie in einem Mangrovenwald stehen. Bestimmt liegt dort auch der eine oder andere Alligator auf der Lauer.
Mit dem Übergang nach Wakulla County verlassen wir die Halbinsel Floridas und erreichen den Florida Penhandle; Florida besitzt entlang der Golfküste einen 370 Kilometer langen schmalen Gebietsstreifen, der Pfannenstiel genannt wird. Diesen werden wir nun der Länge nach durchfahren. Mit der langen Brücke über das tiefblaue Wasser der Ochlockonee Bay führt uns die Straße auch endlich an den Golf von Mexico. Zwar sind viele Uferabschnitte gesäumt von Strandhäusern und -villen, jedoch gelingt dazwischen immer wieder der Blick aufs Meer. Alle Häuser thronen hier zur Sturmflut-Sicherheit auf meterhohen Betonsockeln. Immer der Küstenlinie folgend erreichen wir schließlich das heutige Ziel Carrabelle.
Unser Campground "Ho-Hum RV Park" liegt bereits vor dem Ort zwischen Meer und Straße. Als wir vor dem Office halten, werden wir von einer sehr freundlichen älteren Dame bereits erwartet. "You must be Susan" begrüßt sie uns und eskortiert uns nach den Formalitäten wieder mit einem Golfwägelchen bis zu unserem Platz. Sie heißt Pat, war mit der Army als Angestellte drei Jahre in Würzburg stationiert, danach reiste sie mit einem gebrauchten "green Volkswagen" durch Europa.
Unser Stellplatz ist Oceanside, wir schauen durch die Windschutzscheibe aufs Meer hinaus, die Wellen laufen keine vier Meter vor uns aus.
Bei einer Brotzeit vor unserem RV schauen wir einem Pelikan bei der Jagd zu. Er gleitet in etwa fünf Metern über dem Meer und stößt dann im Sturzflug klatschend ins Wasser; manchmal kann man sogar den zappelnden Fisch in seinem Schnabel erkennen.
Wir stehen hier in einer langen Reihe am Wasser, neben uns große Wohnmobile aus Michigan, Idaho, Wisconsin und Ontario - Regionen, in denen sich die durchschnittlichen Tagestemperaturen noch deutlich unter dem Gefrierpunkt bewegen und mindestens noch ein Meter Schnee liegt; obwohl: Schnee liegt wie wir hören zZt. auch in Deutschland.
Danach gehen wir hinüber zum Sandstrand. Oskar buddelt mit einem Spielzeugbagger, Susanne genießt die Sonne, und ich schwimme ein wenig im seichten warmen Wasser.
Eigentlich hatten wir uns darauf gefreut, mit dem Plätschern der Wellen einzuschlafen. Aber am Abend ist Ebbe, und das Wasser hat sich so weit zurückgezogen, dass man die Wellen nicht mehr hören kann. Aber das tut dieser phantastischen Campsite- Location natürlich keinen Abbruch.