Wenn um 20 nach 3 der Wecker schellt, dann ist das deutlich spürbar früh. Fällt dieses Wecken jedoch in die Nacht der Sommerzeit-Umstellung, so bleiben am Ende nur drei Stunden Schlaf und ein schmerzhaftes Gefühl, in einer anderen Zeit zu sein. Sei es wie es sei, es geht in den Urlaub!
Wir haben um 6 Uhr den Flughafen-Shuttle von unserem Parkplatz in Schwaig bei Erding gebucht, also beißen wir die Zähne zusammen. Oskar brauchen wir gar nicht zu wecken, er ist vor lauter Aufregung von selbst wach geworden.
Dunkel, still und kalt ist es, als wir aufbrechen in den langen Tag, wir sind an diesem Sonntag Morgen nahezu allein auf den Straßen. Auch das Parkplatzbüro ist zu unserer Überraschung einsam und dunkel, als wir auf den Hof fahren. Kurz darauf ist der Shuttlebus jedoch von seiner vorherigen Tour zurück. Wir parken den Golf, laden das Gepäck in den Kleinbus und sind in 10 Minuten am Terminal 2.
Hier gibt es ein kleines Déja Vu: Gestern Mittag sind wir schon einmal genau hier gewesen, um beim Airport-Testzentrum Oskars PCR Test machen zu lassen. Das war ein komisches Gefühl, zu Hause gepackte Koffer und eine geplante Reise zu haben und bis zum Vortag nicht zu wissen, ob wir überhaupt fliegen dürfen. Die nach dem Test folgenden bangen zwei Stunden bis zur erlösenden "Negativ" - Nachricht waren in ihrer Unbestimmtheit ein beinahe gedanken- und zeitleerer Raum, ähnlich dem aus THE BIG BANG THEORY bekannten Theorem von Schrödingers Katze. Umso größer dann die Erleichterung, als wir auf der Rückfahrt kurz vor Weilheim die Mail mit dem erlösenden Befund erhielten.
Wir passieren also heute früh die noch geschlossene Teststation, reihen uns in der Abflughalle ein in die kurze Schlange beim Business Class- Check In und gelangen am Schalter zu einem eher mürrisch wirkenden Mann Typ verirrter Seebär. Susanne präsentiert ihm nacheinander das umfangreiche Portfolio der für eine Reise in die USA zu Corona- Zeiten erforderlichen Dokumente. Alles scheint reibungslos zu laufen, bis er mit größter Selbstverständlichkeit uns Eltern nach unseren PCR-Testzertifikaten fragt. Ein kurzer Schreckensmoment: Haben wir trotz aller Sorgfalt beim Studium der komplexen und zT. widersprüchlichen Vorgaben irgendetwas übersehen? Wir weisen auf unseren dokumentierten Genesenenstatus und unsere in Deutsch und Englisch vorliegenden "Ready to Fly" -Atteste hin, wie gefordert ausgestellt von einem "Certified medical health provider" - sprich unserem Hausarzt. Der Mann von der Lufthansa ist nun jedoch die maßgebliche Instanz, die über die Vollständigkeit unserer Dokumente entscheidet und uns schlussendlich ins Flugzeug lässt; leider hat er ebenso augenscheinlich wie seltsamerweise von der für uns wirksamen Ausnahmeregelung von der Testpflicht noch nichts gehört. Zwei bange Minuten vergehen, in denen er in teilnahmloses Schweigen gehüllt Rat in den Tiefen seines Computermonitors sucht, in unseren Köpfen laufen währenddessen Kurzfilme irgendwo zwischen "Reicht die Zeit für einen Express-Schnelltest" und "Wo könnten wir Einspruch einlegen", dann stellt er ohne jeglichen Kommentar und völlig empathiefrei unsere Bordkarten München- Orlando via Frankfurt aus und nimmt unser Gepäck entgegen. Puh, so etwas braucht man nicht oft, es bleiben wirre Zeiten.
Die Abgabe des Kindersitzes beim Sperrgepäck und die anschließende Sicherheitskontrolle - die aktuelle Streiklust der Kontrolleure war ja ein weiterer Grund zur Besorgnis - sind danach schnell erledigt, und wir steuern die Lounge an: Zeit für Frühstück und vor allem viel Kaffee.
Zwei Stunden später stehen wir für unsere ersten Flugetappe am Gate: Ein Airbus A320neo wird uns nach Frankfurt bringen.
Der kurze Flug bei schönstem Wetter ist für uns Erwachsene reine Routine, für unseren Kleinen jedoch der erste selbsterlebte Flug. Das Erlebnis ist für ihn am Ende wohl eher mittelprächtig, recht groß ist doch der Respekt vor der Beschleunigung und der Bewegung im dreidimensionalen Raum. Aber Susanne kann ihn mit einem Lufthansa-Stickerbuch und einer von ihm selbst ausgesuchten AutoMotorSport-Zeitschrift so gut ablenken, dass er unterm Strich doch gut gelaunt in RheinMain aus dem Flugzeug klettert.
Ein weiter Fußweg durch das ganze Terminal wartet auf uns, bis wir im Zentralbereich endlich den Passkontroll-Bereich und das Ende des Schengen-Raums erreichen. Während wir hier anstehen, erzählt Oskar freudestrahlend den Männern hinter uns "Wir fliegen nach Amerika".
Zur Business Lounge im vor ein paar Jahren neu errichteten Lufthansa-Langstreckenterminal ist es nach der Kontrolle nur ein kurzer Weg, umso länger ist dort die Schlange am Einlass, da trotz Rushhour nur eine Dame Dienst hat. Aber auch das ist irgendwann geschafft, nun macht sich jedoch bei uns dreien die Müdigkeit nachdrücklich bemerkbar.
Die Lounge hier ist deutlich größer und besser sortiert als ihr Münchner Pendant, zudem bietet sie wunderbaren Ausblick auf das Terminalvorfeld. Jedoch wird sie um halb zwei schließen, da es am Nachmittag hier immer noch Corona-bedingt keine internationalen Flüge mehr gibt.
Um viertel nach eins brechen wir auf zum Gate Z66. Auch dieser Weg erscheint endlos, und führt zudem durch ein gespenstisch verwaistes Terminal; als wir vor sechs Jahren von einem dieser Gates nach Boston gestartet waren, pulsierte hier das Leben...
Endlich stehen wir an unserem Gate: LH464 nach Orlando, und es wartet die 747 D-ABTL, ein robuster Oldtimer der 400er Reihe, gebaut 2002.
Hier sehen wir auch endlich wieder Menschen: Eine für einen Jumboflug adäquat große Gruppe wartet aufs Boarding.
Mit unseren Tickets dürfen wir als erste an Bord, unsere Plätze sind ganz vorn in der Spitze des Flugzeuges. Der Empfang durch die Crew ist herzlich, Oskar bekommt eine liebevolle Sonderbehandlung und weitere Kindergeschenke mit dem Kranich drauf. Den Empfangssekt genießen wir fast wie ein Symbol: Endlich sind wir wieder auf Reisen, endlich wieder fliegen.
Der Start verzögert sich noch ein wenig, dann legen wir ab und rollen zur Startbahn 07Center, es geht also ostwärts raus, nicht überraschend bei dem schönen Wetter.
Der Jumbo beschleunigt mit nachdrücklicher Power; der legendäre Pilot-Autor Rudolf Braunburg beschrieb diesen Moment des Starts einmal in einem GEO-Artikel als den immer wieder faszinierenden Moment der Schwerelosigkeitswerdung von 290 Tonnen Aluminium, Kerosin und Stewardessenlächeln....
Nach einer engen Kurve über Offenbach sind wir in der richtigen Richtung unterwegs, 20 Minuten später liegt unten Köln, Düsseldorf ist in der Ferne gut zu sehen. Eindrucksvoll kurz darauf die Hafenanlagen von Rotterdam und die Sturmflut-Deiche der Oosterschelde.
England und später Irland erst am Horizont und bald unter uns, dann breitet sich der Atlantik endlos vor den Fenstern aus. Europa liegt hinter uns, vor uns die Neue Welt.
Nach dem Mittagessen und ein wenig Riesling fallen uns irgendwann die Augen zu.
Der westliche Atlantik und später Neuengland und New York verstecken sich unter dichten Wolken, die nur über Labrador einzelne Blicke auf verschneite Landschaften erlaubten. Dann sind irgendwann die Wolken weg; da wir rechts aus dem Flugzeug schauen sehen wir jedoch nicht mehr die Küste sondern jede Menge eintöniger Landschaft.
Erst über South Carolina fliegen wir wieder über dem Meer und entlang einer sumpfigen Küste mit scheinbar bis zum Horizont ins Land ragenden Buchten, Flussmündungen und Inseln, das Wasser glitzert malerisch in der Nachmittagssonne.
Vor der Landung gibt noch ein frühes Abendessen, wie auch schon das Mittagessen wirklich lecker. Überhaupt war die Gesamtperformance der Lufthansa einschließlich der sehr freundlichen Crew erfreulicherweise deutlich besser als erwartet, hatten sich doch in diversen Airline-Foren viele beklagt über einen merkbaren Qualitätsverlust seit Corona-Ausbruch. Wir bemerken die Seuche eigentlich nur an der omnipräsenten Maskenpflicht, die bei USA-Flügen aus welchen Gründen auch immer selbst Kleinkinder einschließt, und an Kleinigkeiten wie dem nicht mehr vorhandenen LH-Magazin.
Schließlich beginnt nach 10 Stunden in der Luft endlich der Landeanflug, und wir müssen Oskar unsanft und zu seinem eindeutigen Missfallen wecken.
Auf dem Flughafen sind wir mit unserem aussterbenden Flugzeugmuster eine echte Sensation: Bei unserer Parkposition wartet eine kleine Armee von Flughafenbediensteten, die viele Kameras und Handys auf uns richten, um die Ankunft der alten Jumbo-Lady, noch dazu in der traditionellen Lufthansa-Lackierung, zu dokumentieren.
Die Immigration durchlaufen wir ohne größere Wartezeit bei einem vergleichsweise freundlichen Beamten, auch Taschen und der Kindersitz lassen sich problemlos am Gepäckband aufklauben und auf Kofferkulis verladen. Diese Kofferwagen werden uns jedoch nach 50 Metern schon wieder abgenommen: Vier uniformierte Angestellte lassen an einer rechtwinkligen Abbiegung niemanden mit Wägelchen durch. Aus gutem Grund, geht es doch danach mit einer steilen Rolltreppe oder einem kleinen Aufzug eine Etage höher zum Bahnsteig einer Flughafen-Bahn. Doch wenn man die Kulis sowieso kaum brauchen kann, warum standen sie dann zu Hunderten bei der Gepäckausgabe?
Nun ja, muss man nicht verstehen. Wir müssen nun jedoch drei große Taschen, drei Rucksäcke, den sperrigen Kindersitz und ein übermüdetes Kind erst in diesen Zug, dann durch ein großes Flughafengebäude und schließlich in einem Aufzug bis zum Taxistand wuchten, wo wir uns in eine lange Warteschlange einreihen. Irgendwann nimmt uns ein Großraumtaxi auf und bringt uns in unser Flughafenhotel.
Endlich auf unserem Zimmer endet dieser lange ereignisreiche Tag, und wir fallen müde in unsere Betten.
Corona ist seit Verlassen des Flughafengebäudes übrigens kein Thema mehr, Masken scheint niemand mehr zu tragen oder zu vermissen.