Samstag, 23. April 2022

20. April 2022 Lake Pleasant AZ - Ehrenberg AZ

Irgendwie ist dies ein sehr komischer Campingplatz. Nicht nur, dass unsere Nachbarn bis in die Tiefe Nacht Musik gehört hatten, es waren auch noch mehrfach des Nachts in diesem mit Schranke abgesperrten Teil des Campingplatzes diverse Autos lautstark unterwegs.
Wir dumpen noch schnell an der allgemeinen Dump Station des Regional Parks und verlassen dann den Platz Richtung Westen.
Heute ist wieder einer dieser "Verbindungstage", an denen wir ohne größere Sehenswürdigkeiten rechts oder links einfach nur Strecke machen, dabei aber heute keinen Meter Interstate fahren wollen.
Erstes Etappenziel nach einer knappen Stunde Fahrt durch eine blühende Wüste ist Wickenburg. Am Ortseingang erleben wir eine Überraschung: Zum ersten Mal steht Los Angeles auf einem Schild angeschrieben, 348 Meilen sind es noch bis dahin, und am darauf folgenden Kreisel gleich noch einmal. Wickenburg ist dann ein hübsches kleines Städtchen mit "Historical Downtown" im Westernstil. Wir fahren zweimal durch, um möglichst viel zu sehen.
Danach geht es auf einer Straße durch die Wüste, bei der sich die Ingenieure jede erdenkliche Mühe gegeben haben, Kurven nur im äußersten Notfall einzuplanen. 
Der Ort Aquila scheint eine Oase zu sein, es gibt Felder mit einiger landwirtschaftlicher Aktivität. Dann folgen wieder staubtrockene Kilometer, die uns über einige einsame Flecken, die Wenden oder Salome heißen, bis nach Hope leiten, wo sich die Straße teilt und wir entgegen unseres abendlichen Ziels nochmal nach Norden Richtung Parker abbiegen, um die Interstate wie geplant zu meiden. 

Am Ortsausgang von Hope müssen wir schmunzeln, steht auf dem Ausgangsschild "You're beyond Hope".
Auf den meilenlangen Geraden, auf denen wir unterwegs sind, überrascht uns das amerikanische Überholverhalten immer wieder. Unser Tempo wird in der Regel bestimmt von: In vernünftiger Zeit von A nach B zu kommen, Geschwindigkeitsvorgaben einzuhalten und zu vermeiden, die durstigen Pferdestärken unsereres 10-Zylinders zu sehr zu füttern. Das führt zu einem Tempo, das manchem zu langsam ist, und so stauen sich gelegentlich drei bis sechs Autos und Laster hinter uns. Anstatt nun an freien Stellen mit kilometerweiter Sicht auf eine leere Gegenfahrbahn zu überholen, ziert sich mancher, rauszuziehen, und bleibt minutenlang hinter uns im Windschatten, bis er dann irgendwann doch zum Überholen ansetzt - dann häufig jedoch an eher unübersichtlichen Stellen vor Kurven oder nicht einsehbaren Hügeln. Andere, vor allem auch Lastwagen oder Pickups mit zum Teil schweren Anhängern, sind da weniger zimperlich und überholen die Zauderer gleich mit. 
Aber wahrscheinlich ist diese defensive und unaufgeregte Fahrweise einer der Gründe, warum wir auch in diesem Jahr wieder bisher keine Unfälle gesehen haben. 
Über gut 75 Meilen (ca 120 Kilometer) verläuft neben uns eine eingleisige Bahnstrecke, auf der leider kein Verkehr herrscht, mit Ausnahme eines wie bei einer Spielzeugeisenbahn in einem großen Oval geführten Rundkurses an einer Container- Beladung. In diesem Kreis steht ein langer Containerzug, die Loks sind jedoch verdeckt. 
Kurz vor Parker senkt sich die Straße aus der Wüste ins Tal des Colorado, auf der anderen Flussseite liegt Kalifornien. Parker hat einen kleinen Bahnhof, in dem ein 4er Pack Dieselloks rangieren und dann davonbrummen. Zwei sind in den klassischen BNSF- Farben lackiert, zwei tragen das  Farbkleid der mir bis dato unbekannten ARIZONA & CALIFORNIA. 
Ich kann von ihnen auf die Schnelle ein oder zwei „Geht so- Fotos“ machen. Auf dem Rückweg zum RV spricht mich ein Eisenbahner an: "They'll come back, in 10 minutes". Zehn Minuten, das ließe sich abwarten. Und tatsächlich kommen sie mit einem Zug zurück, der irgendwo in der Wildnis gestanden hatte, und rollen mit dem immer wieder beeindruckendem Sound amerikanischer Großdieselloks an einem Trainspotter aus Germany vorbei. 
Im WALMART in Parker kommt ein Mann auf mich zu. Er deutet auf mein Basecape und fragt:" Did you see yesterday's match?" Natürlich muss ich verneinen und antworte "No, was ist great?" "It was fantastic. Boston at its best! One for the bucket list." Ein wenig kann ich beim Baseball ja mitreden, und die New York Yankees mag sowieso niemand: "Such a game in the very last game of the season. And against the Yankees!"  Ein strahlendes Lächeln und beide Daumen hoch kommt als Reaktion. 
Beim SUBWAY in Parker herrscht tatsächlich Maskenpflicht. Zwar ist diese in Arizona schon lange abgeschafft, vom Stammesrat der Indianerstämme der Colorado River Indian Reservation wurde beschlossen, dass diese immer noch verpflichtend für fast alle Geschäfte und Unternehmen gilt. 
Es gibt hier in diesem Gebiet mit beschränkter Autonomie sogar eine eigene Polizei, drei Vertreter dieser Ordnungskräfte stehen beim SUBWAY mit in der Schlange. 
Das letzte Teilstück heute geht durch das fruchtbare ebene Tal des Colorado nach Süden. Das teilweise satte Grün der Wiesen, Felder und Bäume tut den Augen gut. Man sieht jedoch deutlich, dass die Wüste genau da anfängt, wo das Wasser des Flusses oder der Bewässerungs- Infrastruktur nicht mehr hinkommt. Die Straße ist erneut so trassiert, als würden Kurven extra kosten. 
Einzige echte Abwechslung ist eine Baustelle mit engen Behelfsfahrspuren; lustigerweise steht hier, wo man weder überholen noch überhaupt schnell fahren kann, ein Verbotsschild: "Do not pass". Das flache grüne Land mit den schroffen Bergen dahinter erinnert Susanne an Vietnam und Reisfelder, mich erinnert der Colorado eher an den durch die ägyptische Wüste fließenden Nil.Dieses Bild wird noch verstärkt, als wir in Ehrenberg unser Ziel, das „Arizona Oasis RV Resort“ erreichen und von unserer Site aus direkt auf den Fluss schauen, mit Palmen am Wasser und Wüste als Kulisse. 
Ehrenberg ist ein verschlafenes Dorf am Übergang der Interstate 10 über den Colorado nach Kalifornien. Da dort der Spritpreis deutlich höher ist als im übrigen Land, wird hier gerne noch einmal getankt, was die Großtankdtelle in Ehrenberg erklärt. 
Daneben gibt es hier eigentlich nur noch einen uralten Friedhof, zwei oder drei Bruchbuden und drei RV-Parks, die von der unmittelbaren Nachbarschaft zur und dem Blick auf die Brücke der Interstate vor allem die Lärmkulisse geerbt haben.
Ansonsten ist der Platz sehr fein, und da man in Amerika ja völlig tolerant - um nicht zu sagen schmerzfrei - gegenüber Autobahngeräuschen ist, herrscht Ferienclub- Atmosphäre: Speedboote schaukeln abendlich vertäut, es gibt einen Kinderstrand, und nach dem Sonnenuntergang sitzen später die Angler am Wasser, alles in Sichtweite der dicht befahrenen Autobahnbrücke. Und in der Tat hört man irgendwann einfach nicht mehr hin. 
Wir sitzen am Fluss und schauen auf das das schnell fließende Wasser und hinüber nach Kalifornien. 
Morgen fahren wir auch hinüber. Seven states passed, one state to go.

26. April 2022 LAX Airport CA - Zürich - München - Weilheim

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