Samstag, 9. April 2022

06. April 2022 Morgan City LA - Hayes LA

Es ist einfach unvorstellbar, wieviele Mücken hier unterwegs sind. Das ganze Wohnmobil ist bedeckt, am Trailer des Nachbarn - ein sehr rüstiger hochbetagter Senior, ausweislich seines Caps Veteran des Koreakriegs - sitzen wohl Tausende. Er meint, dass es nur hier direkt am See so schlimm sei, schon 100 Meter vom Ufer weg sei es deutlich besser. Die gehören hier dazu, kommentiert er lakonisch. Zu Dutzenden drehen derweil Schwalben ihre Runden, die brauchen eigentlich nur im Flug den Schnabel aufzumachen um die Mücken zu erwischen. Außerdem ist es hier unglaublich schwül, so dass man trotz Wind und eigentlich lauer Temperaturen auch ohne Bewegung anfängt zu schwitzen.
Präpariert mit Insektenschutzmittel dumpe ich und fülle Frischwasser nach, dann starten wir.
In Morgan City ist zunächst wieder eine hohe Gitterbrücke zu überqueren. Sie führt über den Atchafalaya River, ein großer Mündungsfluss des Mississippi, der 30 Prozent seines Wassers zum Golf befördert. Dann wählen wir zunächst den Old Spanish Trail abseits der US90, der durch kleine Orte führt und uns zum ersten Mal eine richtig schlechte löchrig- unebene Straße präsentiert. Bizarr ist der große Kontrast der Häuser: Es gibt weißgestrichene alte Südstaaten- Villen mit Säulen, hier "Antebellum Houses" genannt, normale Einfamilienhäuser, mal als Bungalow, mal zweistöckig, und unmittelbar daneben ärmliche Buden mit geflickten Dächern, bei denen nur das Auto auf der schlaglöchrigen Zufahrt Hinweis ist, dass hier jemand wohnt.
Little Iberia ist das regionale Zentrum, hier findet sich ein Historic Quartier und ein echter Ortskern mit hübschen Häusern, Geschäften und Lokalen. 
Auf der durch die Stadt führenden Bahnstrecke ist auf einmal das typische Hupen der amerikanischen Eisenbahn zu hören, und tatsächlich sind zwischen den Häusern kurz zwei durchfahrende AMTRAK-Loks und einige Wagen zu sehen. Schade, leider keine Chance auf ein Foto, ebenso wie gestern und heute früh schon bei zwei Güterzügen. 
Wir wenden uns nach Westen Richtung Abbeville und dann nach Süden ins Bayou-Land; eine Strecke, die auf der Karte verheißungsvoll ausgesehen hatte und die uns in unserem "Scenic Byways"- Buch empfohlen worden war. Aber diesmal erfüllt sich unsere Hoffnung nicht: Es erwarten uns Dutzende Kilometer durch langweilige brettebene Ödnis, 
Rinderweiden, endlose Reisfelder, einige Farmen, niedrige Gehölze, dazwischen eingestürzte, verlassene oder auch noch bewohnte Baracken mit Müll und Autowracks vor der Tür. Noch nie auf unseren gemeinsamen Urlauben haben wir einen Landstrich durchfahren, der so nach Armut aussah. 
Pecan Island, ein Dorf mit einigen verstreut an der Straße stehenden niedrigen oder aufgeständerten Häusern, aber auch einer Elementary School, ist der regionale "Mittelpunkt". Hier halten wir nach langer Fahrt auf hitzeflimmerndem Asphalt für die Mittagspause auf dem Parkplatz des Food Markets an, das einzige Geschäft hier und einzige Parkmöglichkeit weit und breit: Eine kleine Tankstelle mit schummriger Bude, die laut Eigenwerbung vor allem Angler- und Jagdbedarf anbietet: "U forgot it, we got it". Es halten immer wieder Pickups mit komischen Gestalten - wir sind froh, als unser WALMART Sandwich gegessen ist und wir weiterfahren können. 
Die folgenden etwa 50 Kilometer fahren wir nun weitgehend kurvenfrei auf einem Damm durch eine große Gewässer- Wildnis, Seen, Flussläufe, Schilfgürtel und Kanäle, gelegentlich geht es über eine Hubbrücke.  Das ist zum Glück allemal deutlich interessanter als die vorherige Strecke. Wildunfälle sind hier bizarr: Neben einigen unter die Räder gekommenen Opossums liegen auch zwei überfahrene Alligatoren auf der Straße. 
Irgendwann macht die US90 einen rechtwinkligen Knick, nun geht es in endlosen Geraden wieder der Zivilisation entgegen. Hier sind die Baracken größtenteils verlassen und zu Ruinen verkommen. Wenn dann der Sturm schon zugeschlagen hat, sind die Trümmer der Bauten über Hunderte Meter verteilt, das sieht dann aus wie nach einem Flugzeugabsturz. 
Als die Straße nach Hayes abbiegt und dieser enttäuschende Tourteil hinter uns liegt, sind wir froh, dass es vorbei ist. 
Bei Hayes haben wir vorreserviert im Lorrain Park - ein winziger Campground im Wald mit acht im Halbkreis angeordneten Stellplätzen, gelegen an einer Holzbrücke über einen schlammigen Fluss. Es gibt einen Anglersteg, eine Bootsrampe und sogar einen Spielplatz. Es könnte also völlig idyllisch sein, würde nicht mitten im Campground eine dieselbetriebene Pumpe wummern, die Wasser aus dem Fluss zu den Reisfeldern pumpt. Unser Stellplatz hat die Pole Position direkt neben der Maschine, das ist kaum auszuhalten. Ich frage unseren Stellplatz- Nachbarn, einen bärtigen Frührentner aus Wisconsin, ob er wüsste, ob das Gerät die ganze Zeit läuft. Er sei vor einiger Zeit schon mal hiergewesen, und da war alles ruhig. Aber so eine Anlage in einem Campground sei schon ziemlich crazy. 
Wir entscheiden uns wie gestern zu einem Stellplatzwechsel. Site 8 ist noch frei und gemäß Aushang erst ab morgen reserviert. Hier sind wir weiter entfernt von der Pumpe, außerdem dämmt ein querstehender Trailer zusätzlich den Lärm. 
An der Bootsrampe schauen Oskar und ich zu, wie ein junger Mann sein auf einem Pickup - Anhänger verladenenes Boot zu Wasser lässt. Anschließend verlädt er seine Ausrüstung, zu unserer Überraschung statt einer Angel ein Gewehr, und fährt dann mit hoher Geschwindigkeit den Fluss hinunter. 
Als er anderthalb Stunden später wiederkommt, gehen Oskar und ich wieder ans Wasser und schauen beim Anlanden zu, und ob es Beute zu sehen gibt. Was er denn jage, frage ich ihn, wir seien recht erstaunt gewesen wegen des Gewehres. Heute sei er nur herumgefahren, meint er, das Gewehr habe er immer dabei. Aber wenn dann ginge es auf Alligatoren. Welches Kaliber? "Always three-o-eight!" Genau meine Meinung, freue ich mich, ist das doch auch mein Lieblingskaliber, "In Germany we don't have any gators, of course, but 308 works from fox up to big deer". Er habe einmal eine Deutsche in seiner Highschool- Klasse gehabt, meint er noch, und fand sie offensichtlich wohl sehr nett. Mit dem üblichen "Take care" steigt er dann in seinen Pickup und fährt mitsamt dem Boot davon. 
Oskar und ich sehen dann von der Brücke auch noch einen Alligator, der im Wasser langsam stromaufwärts schwimmt. Und als am Abend Susanne den RV verriegelt - wir hatten die Mückenschutztür vor - macht sich noch ein Opossum aus dem Staub. Mehr Wildlife geht nicht. 

26. April 2022 LAX Airport CA - Zürich - München - Weilheim

Über den Großen Seen bin ich eingeschlafen, an der irischen Küste ist die kurze Nacht dann schon wieder vorbei. Irgendwann dazwischen war de...